Literatur heute !?

Welche Bedeutung hat die Interaktion mit dem Leser?

„Lesungen nutze ich gern als Testbühne für neue Texte. Wenn sie beim Vorlesen nicht funktionieren, ist das dem Publikum deutlich anzusehen, und dann überarbeite ich sie eben.“
Die schriftstellerin ULRIKE ALMUT SANDIG, dokumentiert auf: http://www.skizzenbuch.thalia.de/2011/03/11/2-fragen-an-ulrike-almut-sandig/

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Kurt Münzer – Abendrot in Berlin, vor 1910

In der lichtlosen Dämmerung zwischen Tag und Nacht, in dieser Stunde des einbrechenden Abends, wo das Licht des Tages versiegt ist und die Dunkelheit der Nacht noch zögert, wo die Laternen und Bogenlampen als ein Stück leblosen Glanzes in der Luft schwimmen und die Lichter der Schaufenster, die hellen Flächen hoher Glastüren noch ohne Kraft und Helligkeit leuchten, in dieser Stunde standen die Bäume in der Stadt da wie erstarrte angstvolle Träume, wie die versteinerten Gebilde einer von Furcht überwältigten Phantasie.

Michael Munk ging die Linden hinab, dem Schlosse zu. Wolkenhafte Massen, lagen die großen Gebäude da unter einem umdunkelten Himmel. Drüben rang sich die helle runde Uhr des Rathausturms wie ein tiefstehender Vollmond durch die Dämmerung. Aus dem Vorhof der Universität glänzte das weiße Denkmal zwischen den dunklen Baummassen, und aus der hellen Tür dahinter drängte sich ein schwarzes schwerfälliges Gewimmel von Menschen. Die Figuren auf der Schloßbrücke schimmerten bläulich, von der Dämmerung umwogt, daß sie sich leise zu bewegen und die sterbenden Jünglinge aus den zärtlichen Armen zu gleiten schienen.

Michael ging rechts am Ufer hin, der Platanengruppe zu, durch die kurzen, stillen und wie vom Leben vergessenen Gassen. Dort schwang sich der Schwibbogen über die Straße, ein schöner Rahmen für das Bild dahinter: Menschen und Wagen, langsam bewegt, und hinten dunkle Bäume, in die Tiefe geglittene glanzlose Laternen, ein mächtig vorspringendes Gesims, eine Säulenreihe.

Und als sich der Wanderer wieder in die Stadt hineinwandte, an Straßen vorbei, die sich nach dem Westen öffneten, sah er dort weit hinten über der Stadt noch den Sonnenuntergang.

Durch die klaffenden Spalten eines dräuend bewölkten, wild zerrissenen, schrecklich gestörten Himmels flossen wie aus jenseitigen Vulkanen Feuerströme und Glutfluten auf die Erde hinab. Ihren weit aufgerissenen Schlund des Ausbruchs formte bald eine sanfte wogende Linie, bald umrahmten ihn starrende Zacken und Spitzen. Und der gluterfüllte Krater floß über, flüssiges Feuer tropfte aus seinemn klaffenden Maul, sammelte sich weiter unten zu einer blutigen Pfütze, die sich ausdehnte, die schrecklich wuchs, genährt von unsichtbaren unerschöpflichen Quellen, zu Teichen und Seen, zu einem roten lohenden Meer, das den Himmel, die Erde überschwemmte. Oder der Krater riß plötzlich und ein glühender Lavastrom floß einen unmeßbar weiten Weg hinab über den braunen Rücken des Feuerberges, erklomm einen benachbarten Vulkan, vereinte sich mit neuen entgegenstürzenden Feuerflüssen zu Vernichtung und Untergang von Welten. Aber plötzlich beruhigte sich der Himmel, und ein sanfter Bergzug, eine süße Linie auf- und abschwingender Gipfel hob sich blaß und abendlich rein, von Goldlinien umzogen und mit goldenen Schatten geschmückt, vom roten Grunde ab. Oder es war der kühne Zug hoher Alpen, deren Zacken glühten und deren Grate loderten, als erhitzte sie, die eisernen Gefüge, ein unterirdisches vulkanisches Feuer zu einer Apotheose der Erdschöpfung. – Und dann war es ein erstarrter Reigen überirdisch großer Gestalten, die die Stadt einsäumten, mit zusammenfließenden Gewändern, die rote Schärpen von Meilenlänge und grüne Wimpel von unendlicher Fläche in regungslosem Kranze hielten, und die goldenen Schleier ihrer Häupter starrten unbewegt in die Luft.

Und all dieses Rot und Gold durchglänzte die stauberfüllte, dicke Luft der Straßen, weckte in den Fenstern einen roten Glanz, ein blendendes Funkeln auf, ließ die Straßen sich verlieren in einen glühenden Rauch, in bengalisch beleuchteten Dampf, der wie Theaterzauber aus Spalten im Boden aufzuquellen schien, der die Vedute des Straßenbildes abschloß und märchenhaft, traumgleich die rauchende, lärmende Stadt in eine stille, duftige Feenwelt aufzulösen schien. Mit tausend Fenstern flammten die Warenhäuser auf und wurden zu festlich erleuchteten Schlössern. Aus den Cafés klangen die ersten süßen schmachtenden Geigen, Häusertürmchen verwandelten sich in Minaretts, über die Menschen fiel die heitere Verkleidung des Abends, wie eine Welle hob sich das Leben auf.

Kurt Münzer: Kinder der Stadt. Roman (Berlin 1910, S. 350-352)

Kurt Münzer: Berliner Vorfrühling

Er ist da, ehe die Bäume ausschlagen. Während noch im Gebirge die Rodelschlitten fliegen, draußen auf dem ebenen Lande gerade das Tauen beginnt, schwimmt Berlin schon im geschmolzenen Schnee, in Sonnenschein und Frühlingslust. Wie herrlich sind die Pfützen auf den Straßen! Sie spiegeln Licht und schmale Frauenschuhchen, sie spritzen sprühend auf unter Autorädern und Pferdehufen, sie versetzen das Himmelblau auf die Straße; zwischen zwei Himmeln wandelt man. Wie schön, wie glückspendend sind die Frühlingspfützen auf den Straßen!
Alle sozialen Probleme sind gelöst: das Glück ist leibhaftig über die Menschen gekommen. Die Armen, Verkommenen, Elenden scheinen zu lächeln, da Sonne ihr Gesicht verklärt – nach dem bitterlichen Frost, dem Nebel, der Winterdämmerung so vieler Monate. Die Straßenkehrer sind fix und froh geworden, rufen sich allerlei zu, womit sie sich zum Lachen bringen wollen. Die Damen lassen ihre Boas und Pelzschals anmutig über die Schultern gleiten, lassen Schmuck werden, was so lange nur Schutz war, sie heben ihre Röcke, und entzückt sieht man wieder den ersten Florstrumpf, durch den der Glanz des schlanken Beines bricht. Sie rennen nicht mehr, die Fräulein, um sich warm zu laufen, sie schwanken nicht mehr auf Glatteis, sie trippeln wieder, zögernd, schlendernd, sie stehen sinnend am Straßenbord und überlegen, wie über die Pfütze hinüberkommen; sie machen einen reizenden kleinen Sprung – und die Pfütze spiegelt das Herrlichste von allem; der Himmel verdunkelt sich darüber.
Über Nacht hat eine Auferstehung stattgefunden. Statt vermummter, unförmiger Gestalten wieder schlanke, ranke Figuren, erhobene Köpfchen; die jungen Herren im leichten Ulster, die ersten Halbschuhe an den Füßen, den Schnurrbart nicht mehr bereift, das Stöckchen in der leicht bekleideten Hand. Die Straßenbahnführer sind wieder Menschen, es steht kein Ungeheuer in Pudelfellen und -mützen mehr am Steuer. Und drinnen im Wagen wird man nicht mehr als fühlloses Stück Gefrierfleisch behandelt, nicht mehr blickt man mit tödlichem Haß auf die Bevorzugten, die über der Heizung sitzen; wenn man auch die Beine hochhalten muß, um nicht im Morast stecken zu bleiben, den jeder neue Fahrgast mit hereinschleppt – die Sonne blitzt doch in die Scheiben, sie wärmt den Rücken, macht so menschenfreundlich – man ist wider Willen glücklich. Aber der leibhaftige Frühling, der blühende duftende Lenz, ist doch nur am Potsdamerplatz. Da stehen in langen Reihen, vom Bahnhof bis zur Wertheimhalle, wo der Bärenbrunnen wie ein Frühlingsbächlein plätschert, die Blumenfrauen von Berlin. Ruinen schöner Festungen, deren einstige Bestimmung die unaufhörliche Übergabe war, Reste einer glänzenden Vergangenheit, einst die Dekoration der Friedrichstraße, jetzt Girlande vom Bahnhof zu Wertheim, stehen diese Frauen da, auf ihrem Bauch schaukelnd einen langen Korb, aus dem der Frühling quillt. Sie, geboren zur Vergangenheit, sie, die Frauen ohne Zukunft, sind die Gevatterinnen des Kommenden. Sie sind alt, stumpf, trocken, die Ehrenjungfrauen des Frühlings, seine Bannerträgerinnen, seine Herolde. Sie verkünden seinen Reichtum, Duft und Glanz. Sie schwingen Mimosensträuße und Tulpenbündel, Veilchentuffs und Maiglöckchenstengel, Anemonen und Ranunkeln, römische Narzissen und neapolitanischen Zwiebelblüten. Eine tagtäglich erneute, nie welkende Girlande stehen sie da, Korb an Korb, Beet neben Beet, schwankend wie im Föhn, Duft verbreitend, Hoffnungen weckend, Glück spendend. Über ihnen schaukeln die noch nackten Äste der alten Kastanien und Rüstern, noch steigt der Saft in ihnen nicht hoch, noch ist Café Josty nicht umgrünt, die Normaluhr noch nicht umwallt von Flieder und Rotdorn, aber unter ihnen blüht es schon wie in den Gärten von Cannes, an den Abhängen von Santa Margherita, auf den Hügeln von Florenz…
Und noch ein untrügliches Zeichen gibt es für den Anfang des Frühlings in Berlin: wenn in den „Zelten“ das erste Gartenkonzert exekutiert wird. Wenn nur die Sonne scheint – mag es draußen noch so naß und windig sein , da konzertiert schon im Pavillon die schwarze Musikantenschar, und an den Tischen sitzt, gut verpackt, die Menge der Vorstadtdamen, jung und alt, bei Kaffee und Bier. Gefällige Gatten, Brüder, Bräutigams tauchen hier und da auf, und draußen vor dem Gitter, am Tiergarten entlang promenieren die, die Musik im Gehen zu genießen lieben. Das ist der erste Frühlingssonntag in Berlin! Mag nun noch einmal Schnee und Frost kommen: der Frühling ist da! Er blüht am Potsdamerplatz, er ist feierlich in den „Zelten“ unter Musikklängen proklamiert worden. Schon nimmt der nächtliche Tiergarten die ersten Liebespaare auf, klingen von heimlichen Bänken zärtliche Seufzer. Schon verlassen die Möwen die Charlottenburger Schleuse, der Neue See ist aufgetaut, statt Schlitten werden Boote instand gesetzt. Wie lange noch, und um acht Uhr abends werden die Bahnen gestürmt und Grunewald und Treptow erstrebt; wie lange noch, und der erste Strohhut taucht in der Tauentzienstraße auf, die erste Berlinerin geht „per Taille“ zu Wertheim, die Frau Konmmerzienrat kehrt aus Nizza zurück und findet, daß Berlin in schönerem Frühling schwelgt!
Denn nicht überall ist der Frühling so herrlich wie in dieser Stadt. Überall sonst kommt er langsam, Tag für Tag eine Knospe mehr, eine Nuance heller, ganz vorsichtig, zögernd, verschämt. Aber in Berlin bricht er über Nacht herein, fällt mit Musik und Blütenüberschwang nieder, kommt ungeduldig, viel zu früh, halb erfroren, in Gefahr, sich noch einmal verstecken zu müssen. Nur in Berlin funkeln mit einem Schlage ungezählte Millionen Fensterscheiben, blühen Millionen Menschen auf, entstehen zahllose Lenzgedichte und Feuilletons. Berlin ist ja so jung, so schnell, so ungeduldig; es kann nie warten; unreif pflückt es die Früchte, nimmt den Frühling im Februar vorweg, kommt zu früh heraus mit seiner Premiere wie ein ungeschickter Direktor. Aber muß man diese ungeduldige Jugend nicht lieben? Ist diese junge, rasche, überschäumende, mutwillige Stadt nicht schön, liebenswert, – würdig, besungen, verherrlicht zu werden? Und wenn erst wirklich die Kastanien am Landwehrkanal ihre grünen Finger mit den weißen Kerzen ins stille Wasser tauchen, die Schwäne im Mondschein um die Rousseau-Insel gleiten, im Bogenlampenschein die Leute auf der Terrasse von Josty sitzen und über die Zoo-Mauern die Arien Toskas und Musettes zu den Liebenden in den Tiergarten hinüberklingen, ist dann Berlin nicht selbst ein Gedicht von Jugend, Lenz und Liebe?

Erstveröffentlichung in: Kurt Münzer: ‚Unter Weges‘ (München 1921), wiederveröffentlicht bei http://www.autonomie-und-chaos.de in: Kurt Münzer: ‚Bruder Bär. Novellen und Feuilletons'(Leipzig/Berlin 2011) (kostenloses e-book).