Theodor W. Adorno: Minima Moralia

Zum Ende. – Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik.
Perspektiven müßten hergestellt werden, in denen die Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im Messianischen Lichte daliegen wird. Ohne Willkür und Gewalt, ganz aus der Fühlung mit den Gegenständen heraus solche Perspektiven zu gewinnen, darauf allein kommt es dem Denken an.
Es ist das Allereinfachste, weil der Zustand unabweisbar nach solcher Erkenntnis ruft, ja weil die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefaßt, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschießt. Aber es ist auch das ganz Unmögliche, weil es einen Standort voraussetzt, der dem Bannkreis des Daseins, wäre es auch nur um ein Winziges, entrückt ist, während doch jede mögliche Erkenntnis nicht bloß dem was ist erst abgetrotzt werden muß, um verbindlich zu geraten, sondern eben darum selber auch mit der gleichen Entstelltheit und Bedürftigkeit geschlagen ist, der sie zu entrinnen vorhat.
Je leidenschaftlicher der Gedanke gegen sein Bedingtsein sich abdichtet um des Unbedingten willen, um so bewußtloser, und damit verhängnisvoller, fällt er der Welt zu. Selbst seine eigene Unmöglichkeit muß er noch begreifen um der Möglichkeit willen. Gegenüber der Forderung, die damit an ihn ergeht, ist aber die Frage nach der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der Erlösung selber fast gleichgültig.

Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Zum Ende. (Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften 4, S. 283)

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Ida von Lüttichau: Zur Situation der Frauen (1840)

Vom Mittel Alter her datirt sich ein allgemeiner Begriff unter dem den Frauen gestellt werden. Sie galten damahls für das was man sich unter der Vorstellung von häuslicher Tugend u Einfachheit, Sitte, Religösität u Liebe, dachte: sie waren auch wohl im allgemeinen unter einer rubrik zu classificiren nur mit dem Unterschiede daß der damahlige größere Unterschied die Stände, die vielen Klöster, selbst die gedrängteren Ereigniße der Geschichte mannigfache abweichungen darboten. Diesen allgermeinen Begriff für die Frauen haben wir nun aus dem Mittelalter mit hinübergenommen, nur noch hinzugefügt was das 14te Jahrhundert in Frankreich aus den Frauen herausgebildet hat u nun haben wir wieder ein allgemeines schema, dem Alles untergelegt wird, die ideale Frau aus dem Mittelalter civilisirt mit der cultur u modernen Bildung unsrer Zeiten. Dieses allgemeine rezept lautet ohngefähr so. Liebe, Unschuld, 4 Sprachen, eben so viel Talente/ zur virtuosität gebracht, Belesenheit, u nun noch dazu wie der Franzose sagt sagt dressée pour la cuisine et le salon. Und so wird jede in derselben Zwangs Jakke erzogen u nur die geringen Charakter-Abweichungen laßen noch eine Art Indiwidualität zurück.

Wie ist es uns aber nicht beygefallen daß wenn die Bildung unter den Frauen jetzt ganz etwas anderes ist als es vor Zeiten war, u nothwendig seyn muß weil eine Maße von Kenntniße populär geworden sind die es sonst nicht waren, das nothwendigste wäre um diese geistige cultur jedem einzelnen anzupaßen u homogen zu machen: daß Frauen, wie es bey den jungen Leuten der Fall ist, die verschiedensten Richtungen frey gelaßen würden, u eine jede ein Fach des Wißens oder eine Region der Seele sich wählen dürfte die sich ihrer Natur am meisten qualifiziren. Eh‘ wir nicht eine solche Freiheit der Erziehung haben werden wir nie etwas reelles aus den Frauen herausbilden. Erzieht sie zu Müttern, zu Gattinnen! Welcher allgemeine Begriff! u was hat man sich darunter zu denken! Die Hauptbahn die darunter verstanden wird ist das allgemein Menschliche u ist Sache der Riligion u moral eben so wie es bey Männern die Grundlage aller Erziehung seyn soll.

Aber wenn der junge Mann zum Menschen herangebildet worden, wählt er sich einen Beruf, ein Fach, eine Lieblings Neigung, kurz eine Lebensrichtung u jede wird gewürdigt u anerkannt u selbst nicht der Gelehrte steht, wenn auch sein Streben das allergeistigste genannt werden kann dem andern voran, sondern jeder Beruf hat seine Rechte, jede Seelenrichtung wird anerkannt, die praktische wie die ideelle nur verlangt man daß Liebe zu ihm, Ernst u Nachhaltigkeit zum Grunde liege. Wann werden wir sehen daß unter 6 Töchter in einer Familie jede nachdem die allgemeine Erziehung wie bey Knaben für alle dieselbe war, eine jede einen andern ihr angebohrnen Weg einschlagen dürfe, ohne daß die der die intellectuelle Bildung näher liegt als die rein auf das wirthschaftliche u häusliche gerichtete dieser vorangesetzt wird wie dem typus einer Frau schon nähergetretnen.

Die Verwirrung dieser falschen Begriffe, dieses völlige nivelliren aller Charakter Eigenthümlichkeit ist schon bey uns so durchgehend u tief mit unsern instituzionen verwachsen daß gar nicht mehr dem Dinge beyzukommen ist. Auch ist die Zeit der Erziehung für Mädchen viel zu kurz um irgend eine Eigenthümlichkeit zu entfalten sie wachsen in den Begriff auf u hinein d’une demoiselle bien élevée, alles was sie lesen was sie hören, was ihnen beygebracht wird giebt ihnen nun dieses todte Ideal als Zielpunkt ihres strebens. Was wunder also daß jede nur dahintrachtet dieses zu erreichen u somit etwas ganz conventionelles erreicht wird was sich zwaar etwas modificirt durch Verhältniße, charakter Verschiedenheit aber doch im Grunde ein u daßelbe Schema für alle ist.

Was würde aus den Männern wenn nicht mehr der jurist, der militair der Künstler der Gelehrte kurz tausend nuancirungen aus ihnen herausgebildet würden sondern sie alle nur dem leeren Begriff u Ideal der Menschheit nachjagten. Darum finden sich Frauen deren Lebensberuf als Gattinn oder Mutter verfehlt ist nie zurecht, was in niedrigeren Ständen durchaus nie ein solches Elend mit sich bringt wo jede sich einen Beruf geschafft hat, darum wißen sie selbst mit dem Schatz von Bildung der ihnen oft anerzogen worden nicht umzugehen, wenn eine nicht selbst Kraft u energie genug hat zu fühlen was ihre innere Richtung sey u diese zu verfolgen was allein die wahre Genüge giebt.

Warlich dieser allgemeine Frauen Stempel ist etwas so hohles so langweiliges, so durchaus richtungsloses daß wir uns nicht wundern können wenn alle Eigenthümlichkeit, alle originalität, alle Kraft der Indiwidualität verlohren geht in diesen armen Wesen die sich u ihr Leben vorher ablesen in alle romane u dann so abspielen, wie sie denken es thun zu müßen, die sich ganz an einen todten Begriff von Weiblichkeit u Liebe verlieren bis sie auf irgend eine Weise in der Wirklichkeit in ihm aufgehen können während doch laufend frische Kräfte in ihnen wären die gar nicht sich entfalten können weil sie es in diesem engen Kreise gar nicht können!

Daß eine allgemeine basis des Schul Unterrichts statt finden müße wer wollte das leugnen allein jedes Mädchen wüßte sich mit dem Gedanken vertraut daß sie nächst dem daß sie als Gattin u Mutter wie der Mann als Bürger im Staat in der Familie wurzelt nebenher eine Richtung als Mensch verfolgen dürfe die ihr angemeßen sey.

Ida von Lüttichau: Tagebuchaufzeichnung 1840
in: Wahrheit der Seele – Ida von Lüttichau. Ergänzungsband (Berlin 2015, Seite 19-21)

Mondrian v. Lüttichau über JÜRGEN HAUG: KELLERASSEL

„Ich möcht nur wissen, warum du immer den Außenseiter spielen willst?!“ – Das bekommt jörg, geboren 1943, schon als jugendlicher von der mutter zu hören. Bereits im ersten kapitel (da ist er zwölf) ahnen wir seine homosexualität; dennoch geht es im vorliegenden buch eigentlich nicht nur und vielleicht nichtmal vorrangig darum. Vielmehr um die situation von menschen, die – wie auch immer – sich „anders“ fühlen als die sie umgebende mehrheit der „normalen“.
Letztlich geht es in diesem buch um diese soziale, gesellschaftliche „normalität“, erfahren aus dem blickwinkel des „außenseiters“.

Im mittelpunkt steht zunächst der sozialisationsdruck, der männlichen jugendlichen in der BRD der 50er- und 60erjahre nur zwei möglichkeiten einer sexuelle identität ließ: entweder ganz und gar einzusteigen in die heterosexuelle rolle des „richtigen mannes“, mit all ihren banalitäten, gemeinheiten, ihrer fast schon ritualisierten beziehungslosigkeit, ihren blöden und bösen witzen, den entsprechenden vorbildern von älteren und aus den medien, – oder aber gnadenlos in die diskriminierend gemeinte schublade des „schwuli“ gesteckt zu werden. Tertium non datur – und emotionale und affektive selbsterfahrungsprozesse zum identitätsgeschlecht (gender) waren auch nicht zugelassen.

Als basso continuo erscheint in jürgen haugs buch das in kleinfamilien allgegenwärtige thema der mutterpathologie innerhalb unserer kleinfamiliensozialisation, – der funktionalisierung des kindes für alle möglichen unbefriedigten bedürfnisse der mutter, mit bei söhnen und töchtern unterschiedlichen, aber gleichermaßen verheerenden auswirkungen für deren persönlichkeitsentwicklung. Sigmund freuds these, homosexualität sei in überstarker mutterbindung begründet, gilt heutzutage zwar als unhaltbar, plausibel ist jedoch, daß jungs/männer mit homosexueller anlage sich schwerer abgrenzen können von ihren müttern als solche mit heterosexueller orientierung. Bedürfnisse nach umsorgung und geborgenheit, wie wir alle sie lebenslang in uns tragen, können (auf grundlage der „normalen“ geschlechtsrollen!) von ihnen nicht ohne weiteres auf (männliche) partner übertragen werden; deshalb bleiben möglicherweise viele von ihnen enger mit der mutter verbunden.

Jörg wächst auf in der BRD der 60er und 70er jahre. Das fehlen eindeutiger, hierarchisch strukturierter orientierungen, die im nationalsozialistischen deutschland von der mehrheit der bevölkerung zweifellos nicht nur als unangenehm empfunden worden waren, führte bei vielen angehörigen der entsprechenden elterngeneration zu verunsicherung und sozialen ängsten. Für die zeit der studentenbewegung erinnere ich mich an die feststehende redewendung: „Man kann sich ja kaum noch auf die straße trauen!“

Jürgen haugs figuren haben nahezu keine individuelle lebensperspektive, sie spüren kaum intentionen in sich außer den anforderungen vorgegebener sozialer rollen und ziele entweder zu ent- oder zu widersprechen; – das ganze leben wird ihnen zur „gewohnheitssache“. Sie sind „ganz normal“ – auch und gerade der schwule (unfreiwillige) „außenseiter“ jörg. So ein leben hat seinen preis. Es stabilisiert sich über alltägliche trägheit des herzens, unsensible grenzüberschreitung und oberflächlichkeit im umgang der menschen miteinander, über lebenslügen, selbstbetrug, rationalisierungen. Durch „normale“ suchtformen (zigaretten, kino, alkohol, sex, konsum, karriere) oder illegale drogen, durch die assoziationsreflexe des small talk nur notdürftig kaschierte innere und äußere leere und beliebigkeit des alltagslebens gehören zu diesem teufelskreis der entfremdung. Weil individuelle ressourcen für situationen ohne eindeutige konsensuelle empfindungs- und verhaltensvorgaben kaum zur verfügung stehen, wird dann in reflexhafter selbstverständlichkeit gelogen. In verhängnisvoller solidarität werden verletzende, unsoziale verhaltensweisen aneinander hingenommen, mitmenschliche ansprüche senken sich zunehmend. Noch das ehrlichste ist (manchmal) eine ahnung, daß irgendwas daran nicht stimmt. Hilflose impulse jüngerer menschen, sich dem sumpf der normalität zu entziehen, reichen meist nur bis zu einem sozialen totstellreflex (als „kellerassel“), nicht selten führen sie in die ersatzwelt der drogen, manchmal zu hilfloser gewalt. (Neue möglichkeiten sind heutzutage die virtuellen welten der unterhaltungselektronik.) – In svens rechtfertigung für den intentionalen schritt in die drogenwelt („Entweder geh ich kaputt oder ich überleb aus eigener Kraft.“) liegt tiefere wahrheit: Nur wer innere lebenskräfte mobilisieren kann, wird nicht kaputtgehen im Wahnsinn der Normalität (arno gruen).
Wohl keine sozialpsychologische analyse könnte das gnadenlos zermürbende der progressiven gesellschaftlichen und sozialen verdinglichung sinnlich deutlicher machen als jürgen haugs nüchterne dokumentationen.

Auf grundlage des Falschen Selbst (winnicott) können nur falsche, unechte begegnungen und beziehungen entstehen. Es sind nichtbeziehungen, leer wie in theaterstücken samuel becketts, wie bilder von edward hopper. Jürgen haug verdeutlicht gestörte, unwürdige zwischenmenschliche kontakte als normalität; – und nicht selten bricht sich die hilflose sehnsucht nach authentischen begegnungen bahn in lächerlichmachen, selbsthaß und gegenseitiger verachtung. , – Auf einer anderen ebene liegt pure gewalt, der in besonderem maße menschen ausgeliefert sind, die auf solidarität und hilfe ihrer mitmenschen kaum hoffen können, weil sie „anders“ zu sein scheinen. Vor allem in kindheit und jugend haben entsprechende erfahrungen mit gleichaltrigen nicht selten traumatisierendes gewicht und führen im weiteren leben zu sozialem rückzug, alpträumen und depressiver grundstimmung. Das vorliegende buch macht eine derartige kontinuität nachvollziehbar.

Normierung und zurichtung der menschen funktioniert bei uns heutzutage vorrangig über die sprache; schon dem kleinen jörg werden fragen gestellt, die nur bestimmte antworten ermöglichen und ihm keinerlei freiraum lassen, „abweichendes“ empfinden zu formulieren. Im erwachsenenalter entsprechen die mittlerweile weitgehend normalitätsbezogenen regungen bei jörg der fast nur aus verdinglichten redewendungen bestehenden kommunikation in seinem umfeld. Dies wird vom autor durch stereotype, redundante situationsbeschreibungen gespiegelt. Authentische, „vom herzen kommende“ (wie man so sagt) regungen sind bereits bei denen, die den sozialen konsens mittragen, zugerichtet bis auf hilflose, selbst schon unwahre reste, – um wieviel mehr bei menschen, deren identität beim besten willen nicht zu dieser normalität paßt, – zum beispiel jörg, der in schmerzlichen schritten sein schwulsein erkennt und zu emanzipieren versucht – um damit sein legitimes individuelles menschsein zu entfalten.

Deutlich präsentiert uns der autor die teilweise pogromhafte gewalt etablierter rollenmuster und anderer gesellschaftlicher kriterien, zwischen denen menschen, die ihnen nicht entsprechen, bereits in der kindheit von gleichaltrigen hin- und hergetrieben werden. Einer unter erwachsenen (hierzulande, heutzutage) subtileren latenten pogromstimmung (im „freundeskreis“, im arbeitsleben) sind diejenigen ausgesetzt, die „sich nicht anpassen“ an soziale normen, die es wagen, „außenseiter“ nicht nur zu sein, sondern auf ihrem recht beharren, zu leben, wie sie es für richtig halten (ohne andere zu beeinträchtigen). Keineswegs geht es nur und nichtmal vorrangig um die situation schwuler und lesbischer menschen. Soziale normen ändern sich eh; – männer mit pferdeschwänzen oder ohrringen wurden in den 60er- und 70er-jahren unweigerlich als „schwul“ diffamiert, heute ist beides modischer standard gerade in der traditionell homophoben arbeiter- und kleinbürgerschicht.
Jürgen haug zeigt, daß diese feindliche haltung dem vorgeblich fremden gegenüber zumindest hierzulande oft auch unterhaltungswert hat (allerdings nur einseitig); süffisant, ironisch und letztlich gleichgültig wird mit sozialem befremden kokettiert, – die mögliche homosexualität des kollegen, für die indizien gesucht werden, könnte ebensogut sequenz einer fernsehserie vom abend zuvor sein. Darüberhinaus wird durch entsprechende äußerungen die eigene (scheinbare) souveränität und unbetroffenheit inszeniert; manchmal wirkt das allerdings wie ein pfeifen im düsteren keller.

Am 1. 9. 1969 trat die liberalisierung des §175 StGB in kraft. Praktizierte männliche homosexualität unter erwachsenen war fortan nicht mehr strafbar. Dadurch begann langsam ein öffentliches schwules leben in der BRD. Noch lange zeit war es geprägt von tagsüber inkognito lebenden, sich der mehrheitsgesellschaft anbiedernden und auf toleranz hoffenden schwulen und einer entsprechenden, oft kommerziell geprägten subkultur (die von nutzern selbst oft als sexghetto beschrieben wurde), sowie den als kontakträumen dienenden parks und öffentlichen toiletten.
Auf diesem hintergrund sucht jörg einen eigenen weg, ein eigenes leben. Allerdings lebt er in der zermürbend konventionellen kleinbürgerwelt, weitab von den gesellschaftskritischen emanzipationsbewegungen jener jahre.

Oft verstecken sich hinter der fassade einer angeblich selbstverständlichen heterosexualität kaum eingestandene schwule empfindungen, werden ausprobiert in situationen besonderer anonymität und momenten der nähe (und gleich wieder verleugnet), dümpeln an die oberfläche, wenn alkohol oder verzweiflung die panzerung der normalsozialisation kurzzeitig durchbricht, zeigen sich als neigung zu androgyn wirkenden frauen oder werden einfach zu masturbationsphantasien. Aber auch bei ich-synton schwulen männern bleibt die seit der kindheit anerzogene diskriminierung von homosexualität noch lange zeit bestehen, das grundlegende bedürfnis nach sozialer zugehörigkeit sowieso. Deshalb wird mitgemacht beim alltäglichen small talk; (hetero )sexuelle anspielungen, empfindungen und begegnungen werden inszeniert, über schwulenwitze wird mitgelacht, frauenfeindliche sprüche sollen die eigene „männlichkeit“ dokumentieren. Tödlicher, lähmender Defaitismus! – schrieb eine freundin bei einer entsprechenden stelle in mein exemplar des buches. Die angst vor sozialer ausgrenzung hat sich oft verselbständigt und führt zu anpassung auch in belanglosigkeiten. Das alles verstärkt selbstverachtung und Falsches Selbst sowie die fixierung auf den platt-sexuellen aspekt des schwulseins. Der schritt in eine schwule (oder lesbische) subkultur – die es in den 70er jahren erst ansatzweise gab – hat aspekte von flucht, von schutz ebenso wie von befreiung.

Tarnen und Täuschen ist zu jener zeit das grundprinzip schwulen lebens in der normalität; das coming out bleibt verstrickt in rhetorische versuchsballons, taktische erwägungen und lügen. Schwule anmache ist genauso banal wie heterosexuelle anmache. Nur verzweifelter und deprimierender, – und immer verbunden mit der angst vor sozialer ablehnung (und schlimmerem), sofern das gegenüber keine szenetypischen signale gibt. Und daneben immer das gequatsche der anderen, der normalen.
Das coming out ist keine einmalige entscheidung, sondern muß für jede soziale situation, oft für jeden vertrauten menschen einzeln durchgestanden werden, – jedesmal mit unterschiedlichen argumenten, empfindungen (auf beiden seiten) und unterschiedlichen gefahren, abgelehnt zu werden. ‚Kellerassel‘ ist neben allem anderen eine sozialpsychologische studie zur kommunikation unter schwulen jungen männern (zu jener zeit), – zugleich liest sich das buch (das aus einem hörspiel entstanden ist) wie ein film, spannungsvoll, atemlos und soghaft präsent; – wie schade, daß bislang kein regisseur es entdeckt hat!

Gehässiges, demütigendes verhalten (heute „mobbing“ genannt) als subtile, selbstverständliche grundhaltung unter erwachsenen menschen ist oft tatsächlich „gar nicht böse gemeint“, vielmehr projektion von selbstverachtung und kompensation unbefriedigender, verdinglichter lebens- und arbeitsverhältnisse, denen viele menschen kaum etwas entgegenzusetzen haben, damals wie heute. Manchmal soll nur die einschläfernde routine des arbeitsalltags aufgelockert werden. – Das alltägliche hamsterrad der verdinglichung, das wir alle individuell in ständiger bewegung halten!

Zumindest in der westdeutschen provinz galten 1975 trotz studentenbewegung auch unter jungen leuten noch die tradiierten umgangsformen. „Lange haare“ wurden von eltern massiv bekämpft, und einander unbekannte 20jährige redeten sich offenbar gelegentlich noch mit Sie an (woran ich mich allerdings nicht erinnere). – Was gleichgeschlechtliche aktivitäten angeht, grassierten noch die werte der vorherigen gesellschaftordnung: „Es gab eine zeit, da hat man einen auf solche schweinereien hin erschossen!“ – so der leiter eines jungeninternats im jahr 1972. Bei einem anderen skandalisierten vorfall zu 12-13jährigen zöglingen: „Um was es hier geht, werdet ihr ja wohl wissen; roger und christoph sind hier die größten schweine; mit denen habe ich ja schon geredet. Meine frau hat sie erwischt, wie sie nebeneinander auf dem bett gelegen haben und onaniert haben. – So eine schweinerei! Sowas nennt man schwul! – Wenn sowas nochmal vorkommt bei euch, dann könnt ihr im erziehungsheim landen!!! – Ich muß den beiden eltern einen brief schreiben! – Schweinerei!!“ Der hier diskriminierte roger sagt irgendwann im vertrauten kreis achselzuckend: „Also, schwul ist doch eigentlich jeder.“

Eine allzeit lauernde, geradezu wollüstige bereitschaft zu hetze und pogrom scheint bestandteil „normaler“ psychosozialer dynamik zu sein – auch wenn es in der BRD zunächst nicht mehr gegen das leben anderer ging. Als einige jahre später „langhaarige“, „gammler“, „spaghettifresser“ und andere „kanaken“ die objekte des sozialhasses wurden, kam es bekanntlich wieder zu tödlichen folgen. Sozialpsychologisch bestehen zu „rassisch“ begründetem genozid kaum strukturelle unterschiede. In der von jürgen haug geschilderten sozialen normalität der 60er jahre waren homosexuelle menschen für teile der westdeutschen bevölkerung offenbar potentielle „untermenschen“, die es – entsprechende politische rahmenbedingungen vorausgesetzt – auszurotten galt.

Unter erwachsenen in der BRD war das spekulieren darüber, ob jemand nun schwul ist oder nicht, noch in den 80er jahren ein selbstverständliches gesellschaftsspiel, mit wissenden blicken, schelmischen anspielungen und angedeuteten „tuntigen“ bewegungen und sprechweisen; garniert wurde derlei mit sogenannten „schwulenwitzen“. Unter männlichen jugendlichen überwog die gröbere gangart: „Faß mich nicht an, du bist ja schwul!“ – Um auf diese weise angegangen zu werden, genügte es, einen roten strickpullover zu tragen, wie ich („mädchenpullover!!“), sich nicht an verbalsexistischer schaumschlägerei zu beteiligen oder in anderer weise durch die eigene präsenz die jungmännlichen geschlechtsrollen infragezustellen. Wie es bei mädchen war, weiß ich nicht.
Galgenhumor, unterwürfigkeit, selbstverachtung und der versuch, sich anerkennung und zuwendung „zu kaufen“, bleiben letzte soziale integrationsmöglichkeiten derer, die qua „anderssein“ kontinuierlich dem gehässigen normendruck der „normalen“ ausgesetzt sind. Die erwartung von ausgrenzung und ablehnung wird zum selbstläufer – man wird zur „kellerassel“.

In westdeutschland gilt rosa v. praunheims film ‚Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt‘ (1970) als initialzünder der schwulenbewegung. Er ist eines der wenigen dokumente zur situation schwuler in jener zeit. Noch im selben jahr gründeten sich die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) und die Rote Zelle Schwul (RotZSchwul) in frankfurt/main. 1972 fand in münster die erste schwulendemo der BRD statt. Eine aufführung des films anfang 1972 führte zur gründung der HAW Frauengruppe. Im Jahr der Weltjugendfestspiele, die 1973 in ostberlin stattfanden, gab es bereits einen regen austausch zwischen mitgliedern der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) und schwulen, die in der DDR politisch engagiert waren.
Diese neu errungene öffentlichkeit munitionierte natürlich auch die stammtische: endlich meinte man mehr zu wissen über „die“ und konnte im kollegenkreis und in familien mit deutlicheren anspielungen über schwule herziehen.

Jürgen lothar harald haug wurde geboren am 22.4.1940 in frankfurt/main. Nach dem besuch der mittelschule absolvierte er eine kaufmännische lehre. Er arbeitete als disponent und produktionsassistent beim fernsehen. 1962 begann haug, sich in der BRD als hörspielautor zu etablieren. 1975 erschien seine dokumentation ‚Aufzeichnungen aus einer Wandererherberge‘. Sie basiert auf erfahrungen, die der autor während seines zivildienstes als wehrdienstverweigerer in einer solchen institution sammeln konnte. Aus einem gleichnamigen hörspiel gearbeitet, erschien 1981 ‚Die Kellerassel. Aus einem anderen Leben‘. Trotz einiger wohlwollender, sogar begeisterter rezensionen (unter anderem von ruth kotik in ‚Funkkorrespondenz‘) fand ‚Die Kellerassel‘ kein nachhaltiges öffentliches echo (genausowenig wie die ‚Wandererherberge‘). – Jürgen haug starb am 2. juli 2012.

1981 hatte ich jürgen haugs ‚Kellerassel‘ beim Ulcus Molle Info entdeckt. Ich war hingerissen und schrieb hinein: „Dieses buch gibt mir viel bestätigung dafür, daß ANATOMIE EINER KRIEGSERKLÄRUNG als buch sinnvoll ist. – Hat viel mit mir zu tun, ist meiner vergangenheit (grundsätzlich) sehr sehr ähnlich! Nur hab ich nie soviel gelogen!!!“ Meine damalige freundin judith, die das buch kurz darauf las, schrieb hinein: „hat auch total viel mit mir zu tun und damit wie es hätte werden können mit mir, weil ich auch schon angefangen hatte, mein anders-sein verwischen zu wollen.“ In unserem damaligen umkreis ging es um den anspruch, eigene empfindungen und bedürfnisse jenseits der etablierten kategorien ausprobieren. Was heute zunehmend auch in deutschsprachigen ländern als Queer-theorie oder Neosexualitäten diskutiert wird, hat seine grundlage in unzähligen abweichenden (selbst-) erfahrungen abseits des öffentlichem interesses während der zweiten hälfte des zwanzigsten jahrhunderts.

Kaum zufällig fand der hörspielautor und erzähler jürgen haug zu lebzeiten keine angemessene öffentliche aufmerksamkeit. Seine schmerzlich präzisen und karg dokumentierten szenarien einer pathologischen und untergründig leidvollen alltagsnormalität sind allesamt nicht unterhaltsam. Daneben lag es ihm nicht, mit seinem werk zu hausieren oder sich in medien zu präsentieren. Jetzt liegen wirtschaftswunderzeit, studenten- und alternativbewegung ebenso hinter uns wie die umwälzungen in osteuropa und der DDR. Kriege und kriegsgefahr gibt es weiterhin, auch in europa, aber mit dem World Wide Web auch neue hoffnungen auf authentische mitmenschliche kommunikation. Ohne tiefgründigeres verständnis für strukturelle störungen unseres alltäglichen sozialen und psychischen lebens wird daraus nichts werden.

Volkmar Sigusch: Die Mystifikation des Sexuellen

Pseudoaktiv, weil geregelt und isoliert, ist das Sexuelle zu seiner eigenen Imitation geworden.
Es scheint, als seien die Menschen sexuell aktiv, doch sie vermeiden alles, was daran erinnert: Spontaneität und Regellosigkeit, Hingabe und Ekstase, Risiko und Subjektivität.
Wird der Inhalt des sexuellen Tuns ersetzt durch sein bloßes Zustandekommen, geht es nicht mehr darum, was gemacht wird, sondern einzig darum: daß es erfolge.
Dadurch erstarrt das Sexuelle zur Sache und wird mystifiziert.
(1984)

Hans Kilian: Der Mensch, ein anthropogenetischer Prozeß

„(Der Mensch) kann die Vergesellschaftung seines bewußten Seins vielmehr allenfalls in einem sehr konkreten und begrenzten Sinne dieses Wortes ‚transzendieren‘, indem er die unbewußten historischen und gesellschaftlichen Determinanten seiner Subjektivität erkennt, anerkennt und darüber hinaus eine dialektische Technik des Umgangs mit der Welt wie mit sich selbst entwickelt, welche dieser Determination Rechnung tragen und sie in einem ’naturgesetzlich‘ möglichen und vorgesehenen Vollzuge insofern zugleich ‚aufheben‘, als sie sie durch ein neues neuronales Reglersystem ‚überformen‘ und sie dergestalt auf eine ‚ontisch‘ höhere Integrationsstufe hinaufheben.

Allein in diesem sehr spezifischen Sinne einer progressive Reflexion und Überformung scheint uns eine reale statt nur ideale und utopische menschliche ‚Freiheit‘ denkbar, welche nicht im Widerspruch zur naturgesetzlichen oder seinsgesetzlichen Determinatiion steht, sondern vielmehr in deren Vollzug sich entfaltet.

‚Das enteignete Bewußtsein‘ (Neuwied 1971, Seite 276)