Kurt Münzer – Abendrot in Berlin, vor 1910

In der lichtlosen Dämmerung zwischen Tag und Nacht, in dieser Stunde des einbrechenden Abends, wo das Licht des Tages versiegt ist und die Dunkelheit der Nacht noch zögert, wo die Laternen und Bogenlampen als ein Stück leblosen Glanzes in der Luft schwimmen und die Lichter der Schaufenster, die hellen Flächen hoher Glastüren noch ohne Kraft und Helligkeit leuchten, in dieser Stunde standen die Bäume in der Stadt da wie erstarrte angstvolle Träume, wie die versteinerten Gebilde einer von Furcht überwältigten Phantasie.

Michael Munk ging die Linden hinab, dem Schlosse zu. Wolkenhafte Massen, lagen die großen Gebäude da unter einem umdunkelten Himmel. Drüben rang sich die helle runde Uhr des Rathausturms wie ein tiefstehender Vollmond durch die Dämmerung. Aus dem Vorhof der Universität glänzte das weiße Denkmal zwischen den dunklen Baummassen, und aus der hellen Tür dahinter drängte sich ein schwarzes schwerfälliges Gewimmel von Menschen. Die Figuren auf der Schloßbrücke schimmerten bläulich, von der Dämmerung umwogt, daß sie sich leise zu bewegen und die sterbenden Jünglinge aus den zärtlichen Armen zu gleiten schienen.

Michael ging rechts am Ufer hin, der Platanengruppe zu, durch die kurzen, stillen und wie vom Leben vergessenen Gassen. Dort schwang sich der Schwibbogen über die Straße, ein schöner Rahmen für das Bild dahinter: Menschen und Wagen, langsam bewegt, und hinten dunkle Bäume, in die Tiefe geglittene glanzlose Laternen, ein mächtig vorspringendes Gesims, eine Säulenreihe.

Und als sich der Wanderer wieder in die Stadt hineinwandte, an Straßen vorbei, die sich nach dem Westen öffneten, sah er dort weit hinten über der Stadt noch den Sonnenuntergang.

Durch die klaffenden Spalten eines dräuend bewölkten, wild zerrissenen, schrecklich gestörten Himmels flossen wie aus jenseitigen Vulkanen Feuerströme und Glutfluten auf die Erde hinab. Ihren weit aufgerissenen Schlund des Ausbruchs formte bald eine sanfte wogende Linie, bald umrahmten ihn starrende Zacken und Spitzen. Und der gluterfüllte Krater floß über, flüssiges Feuer tropfte aus seinemn klaffenden Maul, sammelte sich weiter unten zu einer blutigen Pfütze, die sich ausdehnte, die schrecklich wuchs, genährt von unsichtbaren unerschöpflichen Quellen, zu Teichen und Seen, zu einem roten lohenden Meer, das den Himmel, die Erde überschwemmte. Oder der Krater riß plötzlich und ein glühender Lavastrom floß einen unmeßbar weiten Weg hinab über den braunen Rücken des Feuerberges, erklomm einen benachbarten Vulkan, vereinte sich mit neuen entgegenstürzenden Feuerflüssen zu Vernichtung und Untergang von Welten. Aber plötzlich beruhigte sich der Himmel, und ein sanfter Bergzug, eine süße Linie auf- und abschwingender Gipfel hob sich blaß und abendlich rein, von Goldlinien umzogen und mit goldenen Schatten geschmückt, vom roten Grunde ab. Oder es war der kühne Zug hoher Alpen, deren Zacken glühten und deren Grate loderten, als erhitzte sie, die eisernen Gefüge, ein unterirdisches vulkanisches Feuer zu einer Apotheose der Erdschöpfung. – Und dann war es ein erstarrter Reigen überirdisch großer Gestalten, die die Stadt einsäumten, mit zusammenfließenden Gewändern, die rote Schärpen von Meilenlänge und grüne Wimpel von unendlicher Fläche in regungslosem Kranze hielten, und die goldenen Schleier ihrer Häupter starrten unbewegt in die Luft.

Und all dieses Rot und Gold durchglänzte die stauberfüllte, dicke Luft der Straßen, weckte in den Fenstern einen roten Glanz, ein blendendes Funkeln auf, ließ die Straßen sich verlieren in einen glühenden Rauch, in bengalisch beleuchteten Dampf, der wie Theaterzauber aus Spalten im Boden aufzuquellen schien, der die Vedute des Straßenbildes abschloß und märchenhaft, traumgleich die rauchende, lärmende Stadt in eine stille, duftige Feenwelt aufzulösen schien. Mit tausend Fenstern flammten die Warenhäuser auf und wurden zu festlich erleuchteten Schlössern. Aus den Cafés klangen die ersten süßen schmachtenden Geigen, Häusertürmchen verwandelten sich in Minaretts, über die Menschen fiel die heitere Verkleidung des Abends, wie eine Welle hob sich das Leben auf.

Kurt Münzer: Kinder der Stadt. Roman (Berlin 1910, S. 350-352)

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