Hans Kilian: Der Mensch, ein anthropogenetischer Prozeß

„(Der Mensch) kann die Vergesellschaftung seines bewußten Seins vielmehr allenfalls in einem sehr konkreten und begrenzten Sinne dieses Wortes ‚transzendieren‘, indem er die unbewußten historischen und gesellschaftlichen Determinanten seiner Subjektivität erkennt, anerkennt und darüber hinaus eine dialektische Technik des Umgangs mit der Welt wie mit sich selbst entwickelt, welche dieser Determination Rechnung tragen und sie in einem ’naturgesetzlich‘ möglichen und vorgesehenen Vollzuge insofern zugleich ‚aufheben‘, als sie sie durch ein neues neuronales Reglersystem ‚überformen‘ und sie dergestalt auf eine ‚ontisch‘ höhere Integrationsstufe hinaufheben.

Allein in diesem sehr spezifischen Sinne einer progressive Reflexion und Überformung scheint uns eine reale statt nur ideale und utopische menschliche ‚Freiheit‘ denkbar, welche nicht im Widerspruch zur naturgesetzlichen oder seinsgesetzlichen Determinatiion steht, sondern vielmehr in deren Vollzug sich entfaltet.

‚Das enteignete Bewußtsein‘ (Neuwied 1971, Seite 276)

Advertisements

HANS KILIAN: Über Außenseiter

Die Gegenwart zeichnet sich durch eine progressive Entwicklung und Ausbreitung von Ansätzen und Teilansätzen neuer Denkstrukturen aus, die infolge ihres bislang „utopischen“ Charakters oder – evolutionstheoretisch formuliert – infolge ihrer „dystopischen“ Eigenschaften früher nur als Randerscheinungen bei marginalen Minderheiten der Gesellschaft, bei entrückten oder „verrückten“ Außenseitern, genialen Vorläufern, Propheten oder geistigen Revolutionären vorkamen, die infolge mangelnder Anpassung an die bestehenden Herrschaftsstrukturen einem hohen negativen Selektionsdruck ausgesetzt waren. Die zeitgenössische Konstellation zeichnet sich dadurch aus, daß früher vorherrschende und angepaßte Denkstrukturen infolge eines mit Beschleunigung sich vollziehenden Wandels der gesellschaftlichen Realitätsstrukturen ihrerseits utopisch oder dystopisch werden, während umgekehrt die partiellen Ansätze oder Vorstufen einer dialektischen Denkstruktur vieler desidentifizierter Außenseiter angesichts einer zunehmenden Mobilitätsanforderung des Denkens und des Verhaltens in zunehmendem Maße realitätsgerecht zu werden beginnen und inofern nach und nach in das Wirkungsfeld eines positiven Selektionsdrucks rücken.

HANS KILIAN: ‚Das enteignete Bewußtsein‘ (1971, s. 243/4)

Hans Kilian: Zur psychosozialen Programmierung von Normalität

Insgesamt ergibt sich (…), daß die Überwindung des „Aberglaubens“ der mythisch-magischen Naturrechtsideologien durch den Rationalismus einer subjektivistischen oder subjektverabsolutierenden Philosophie der bürgerlichen Aufklärung nur eine halbe Sache war. In Wirklichkeit hat die philosophische und psychologische Theorie vom autonomen Bewußtsein die Zirkelschlüsse nur auf einen anderen Schauplatz verschoben, der sehr viel schwerer zugänglich ist und sich der kritischen Überprüfung weitgehend entzieht. An die Stelle der „äußeren“ kosmischen Projektion tritt die „innere“ psychische Projektion. Der gemeinsame Nenner besteht darin, daß ein statisches Ordnungs- und Strukturprinzip, welches eine dualistische Spaltung des menschlichen Systems in Bewußtsein und Sein, Geist und Materie und darüberhinaus ein hierarchisches Herrschaftsverhältnis von „oben“ und „unten“ impliziert, in die Realität hineingesehen und dann wieder aus ihr herausgelesen wird.

Kraft vieler solcher projektiver und introjektiver Akte, die durch Lernen „eingeschliffen“ und nach dem Prinzip des bedingten Reflexes automatisiert werden, bildet sich nach den Erfahrungen der sozialpsychologischen Lerntheorie ein kontinuierlicher Verstärkereffekt oder – genauer gesagt – ein „Selbstverstärkungsregler“ aus, der in permanenter Wiederholung einer Anreicherung von subjektiven Gewißheiten durch scheinbar objektiv begründetes Wissen zur verbindlichen „Wahrheit“, eine Aufwertung der scheinbar verbindlichen Wahrheit zum verpflichtenden Wert, eine Institutionalisierung des verpflichtenden Wertes zum kollektiven Leitbild und schließlich eine neuerliche Internalisierung des kollektiven Leitbildes als Identifikationsmodell und als unbewußte Selbstverständlichkeit bewirkt.

Mit anderen Worten: die „projektive Identifikation“ ist ein systemverstärkender Mechanismus eines gesellschaftlichen Bewußtseins. Die Funktion dieses Mechanismus besteht darin, daß ein bestimmtes psychosoziales Strukturmuster durch selbstorganisierende Regulation in den Rang einer Programmierung erhoben und auf diesem Niveau fixiert wird. Diese Programmierung, die durch Über-Ich-Dressur bereits in der Kindheit implantiert und durch zusätzliche Abwehrmechanismen abgesichert zu werden pflegt, gewinnt den Charakter eines sekundär erworbenen Ersatzinstinkes, welcher umso unumschränkter wirkt, je besser es gelingt, ihn als angeborene „Erbanlage“ des Charakters, als „Archetyp“, als „Urphänomen“ oder schließlich als „Stimme Gottes im Menschen“ (Schleiermacher) aufzufassen.

Wichtig für das Verständnis ist dabei, daß dieses Muster in seiner Kernstruktur zumeist nicht den Charakter eines ausdrücklich formulierten Denkinhaltes bzw. einer ausdrücklichen Ideologie hat, sondern vielmehr (…) in seinem Kern in der Regel „präverbal“ und unbewußt ist bzw. nur nachträglich mit auswechselbaren Inhalten besetzt wird.

Hans Kilian: ‚Das enteignete Bewußtsein‘ (Neuwied 1971, S. 202 f.)

HANS KILIAN: Das enteignete Bewußtsein (1971)

Gerade dadurch, daß die heute lebenden Generationen im gegenwärtigen Zeitalter einer sinnfälligen Beschleunigung der Geschichte gezwungen sind, die historische Relativität der in „Kulturverzug“ geratenen eigenen Strukturen wahrzunehmen, bleibt ihnen keine andere Möglichkeit der Orientierung, als auf die historische und gesellschaftliche Vermittlung aller bisherigen Formen menschlicher Identität systematisch zu reflektieren.
Gerade dadurch, daß sie dies und nichts anderes tun können, – gerade dadurch, daß sie die bisher in den „Urgrund menschlichen Seins“ projizierten Formen innergeschichtlichen Soseins als Identifikationssystem partialkultureller Verpuppung, Verkürzung und Verdinglichung eines unentfalteten menschlichen Wesens erkennen können, gewinnen sie jenseits der Festlegung auf die perspektivische Sicht intrakultureller Bewußtseinsstrukturen einen Zugang zur Aufhebung der Partialkultur und zur Überwindung der psychosozialen Schwerkraft ihrer statischen Identifkationssysteme.
Sie gewinnen unversehens einen neuen archimedischen Punkt des Überblickes, von dem aus ein Sprung in die neue Qualität eines „transkulturellen“ Menschheitsbewußtseins erstmals möglich und der Nichtvollzug eines solchen Sprunges erstmals unmöglich zu werden beginnt.  (S. 55)