Heinrich Hauser: Berlin 1935

Sollte es sich mit Berlin nicht vielleicht umgekehrt verhalten wie mit anderen Großstädten, nämlichso, daß seine enorme Ausdehnung nicht der Reichtum des Nährbodens, sondern im Gegenteil seine Armut begründet? Daß der geringe Ertrag dieses Bodens die Einbeziehung immer neuer Bodenstücke erfordert? Hat nicht Berlin nomadenhaften Charakter? Ist nicht die Stadt dauernd auf der Wanderschaft, Umzug in Permanenz? Ist es nicht typisch für Berlin, daß sein Schwerpunkt sich andauernd verschoben hat und verschiebt? Verfallen nicht alte Quartiere genau so schnell wie neue emporblühen? Sind nicht der Bauzaun und die aufgerissenen Straßen die Wahrzeichen Berlins? Könnte man nicht die ganze Stadt auffassen als ein ungeheures Nomadenlager, das man abbrechen und an anderer Stelle wieder aufbauen kann?

(…) Vor ein paar Jahren kannte ich in dieser Gegend noch eine ganze Reihe von versteckten Seen, an deren Ufer kaum je ein Sonntagsausflügler sich verirrte. Heute hat die Bodenspekulation alle diese „Objekte“ mit Beschlag belegt. Sie führt ihre Seen in Zeitungsanzeigen anpreisend vor, wie ein Zirkus seine Löwengruppen: als merkwürdige Raritäten für die Großstäder. Die Spekulanten teilen die Ufer in die schmalen Handtuchstreifen ihrer Parzellen auf, um ja den größten Verkaufswert durch möglichst viele „Wassergrundstücke“ zu erzielen. Sie umzäunen das freie Land, das man jetzt nur noch unter dem Joch ihrer Triumphtore betreten kann, vorbei an Kassenhäuschen und Auskunftsbüros. Mit Trompetengeschmetter, mit Freifahrt in Autos, mit Freikaffee und Umsonst-Kuchen, mit wehenden Fahnen und bestellten Lobpreisungen aller Art werden Kunden „gefangen“.

Heinrich Hauser: ‚Fahrten und Abenteuer im Wohnwagen‘ (Dresden 1935; Neuausgabe Stuttgart 2004, Seite 42-43)

Advertisements

Heinrich Hauser: Roma in Belgrad (1937)

Heinrich Hauser_Roma in Rumänien_1937

Zigeunerinnen sangen Volkslieder. In diesen Melodien war der Karst mit seinen zauberhaften Licht- und Schattenspielen, war das Rauschen der Bergströme, war der tierische Klang des Dudelsacks, das Blöken der Schafherde, die Glocken der Leitkühe auf den Almen. Niemals zuvor habe ich so viel Liebe, Sehnsucht und Traurigkeit im Lied gehört. – Die Haltung der Sängerinnen war streng und gemessen, benahe spanischer Stil. Sie begleiteten sich mit dem Tamburin, das senkrecht hochgehalten wurde, nur ganz leise bwwegt. Die Elemente des Tanzes, der die Musik begleitete, waren ganz orientalisch, streng und gemessen war auch das Kreisen des Bauchs, das Schütteln der Brüste. Später ging das Tamburin, flach gelegt, zwischen den Tischen sammeln. Freigiebig klirrten die Münzen auf das Pergament. Aber man spaßte nicht mit diesen schönen Mädchen. Nein, es handelte sich um Kunst; Erinnerungen, Gefühle wallten auf, verschiedene in jedem einzelnen, Tränen flossen über wetterbraune männliche Gesichter. Man weinte leicht, man liebte es, gerührt zu sein.

HEINRICH HAUSER: Süd-Ost-Europa ist erwacht (Berlin 1938: Rowohlt Verlag)

 

HEINRICH HAUSER: Begegnung der Urzeit

Ich schiebe das Rad einen steilen Hügelkamm hinauf, anstampend gegen den Wind, den Kopf tief über die Lenkstange gebeugt. Auf einmal im Grau der Steppe – ein schwarzer Hügel – er bewegt sich! – Im nächsten Augenblick liegen Rad und Mann platt am Boden.

Elch! Keine dreißig Meter entfernt. – Mit Herzklopfen auf Händen und Füßen bis zum Hügelrand, Kopf heben, Zoll um Zoll, vor Erregung zitternd. Es sind vier Stück, ein großer Schaufler, zwei Kühe und ein Kalb friedlich äsend. Ich wage meinen Augen kaum zu trauen. In ihrer Ruhe sind die Formen dieser Leiber der Landschaft so verwachsen, daß man sie für Hügel oder Bäume halten könnte. Trotz ihrer auffallend dunklen Färbung vermählen sie sich schattenhaft den Bodenfalten, dem Gestrüpp.

Der große Schaufler wirft den Kopf und windet. Was für ein Haupt! Unter der schwarzen Kuppe des Widerrists schwingt es von einer Seite auf die andere, selbst jetzt, in der Bewegung noch einem Stück der Landschaft, einem windgeschüttelten Buschwerk ähnlich. Grau ist die Mähne, grau sind die hohen, dünnen Säulen seiner Beine, schwarz ist der Leib. Jetzt kommt die dunkle Masse in ziehende Bewegung, die hellen Stämme der Beine knicken ein, langsam, weitgreifend im Schwung. Die großen Lauscher zucken, der Zackenrand der Schaufeln hebt sich deutlich gegen den Himmel ab. Schräg zieht er mir entgegen, wachsend mit jedem Schritt. – Steht, keine zwanzig Meter mehr entfernt, hoch auf dem Kamm des Hügels, sieht auf mich herab. Ruhig, unbeirrt, als hätte er längst von mir gewußt. Eine wundervolle Würde liegt in seiner Haltung; etwas von der Trauer, die stets die letzten eines alten Geschlechts umweht. Reglos, das schwere, gekrönte Haupt gegen die ziehenden Wolken gestellt, gleicht er einem lebenden Denkmal.
Die Kühe haben die Köpfe aufgeworfen, sie setzen sich in Gang, einen ziehenden, zeitlupenhaften und doch seltsam fördernden Gang. Sie halten sich weit überm Wind. Ein unerhörtes Schauspiel, dieser federnd-schwingende Trab, etwas Gespenstisches. Man begreift mit einemmal, wie diese riesigen Leiber über die schwankende Decke der Moore mehr schweben als laufen.

Jetzt zieht der Schaufler mit langsamen, unendlich langen Schritten quer über die Straße. Er verschwindet im Wald. Die Kühe folgen. Minutenlang sehe ich noch ihre Häupter hocherhoben durch dieZweige wippen. Dann ist die Erscheinung entschwunden.

Dies ist die Gegend zwischen Perwelk und Preil, zwei kleinen Fischerdörfern, die in etwa zwei Kilometer Entfernung am Haffstrand liegen. Diese flache, sumpf- und gestrüppbedeckte Landschaft ist die Zufluchtstelle für die letzte geschlossene Elchherde, die etwa hundert Tiere zählt.

Heinrich Hauser: Wetter im Osten (Jena 1932)