Theodor W. Adorno hat lebenslang, unermüdlich gerade auf die Notwendigkeit einer Erziehung zur Mündigkeit hingewiesen – nicht zuletzt durch die von ihm intendierten und erarbeiteten Studien zum Autoritären Charakter und später in seiner kritischen Solidarität mit den rebellischen Student*innen. Diese „Mündigkeit“ wird im 21. Jahrhundert in besonderer Weise notwendig.
Durch die immer umfassendere politische, medientechnische, jetzt auch digitalisierte Verknüpfung von Menschen (Staaten, Weltteilen) entstehen immer größere und in sich einheitlicher agierende „Schwärme“ von Menschen (Zuboff) und entfalten auch zerstörerisches Potential. Im 20. Jahrhundert war die soziale Katastrophe des Nationalsozialismus der Worst Case. In den letzten 50 Jahren entstand ansatzweise Bewußtheit über nicht mehr ignorierbare Grundfragen des Menschseins in der entwickelten Zivilisation (Ökologie, Atomwaffen, Nationalismus, Demokratie, Bürokratie); im 21. Jahrhundert könnte dazuhin eine bisher noch unbekannte Form von weltweiter (gewaltloser) Gleichschaltung von Menschen innerhalb des „Plattformkapitalismus“ (unter anderem Blickwinkel: „Überwachungskapitalismus“) ebenfalls katastrophische Folgen haben.
Die psychosozialen Folgen dieses „Überwachungskapitalismus“ können wohl als eine grundlegend neue Stufe der Dialektik der Aufklärung verstanden werden: die schleichende Dichotomisierung von Vereinheitlichung bzw. Ausgrenzung von demokratischen Prinzipien des Lebens (u.a. Selbstentfaltung, Privatsphäre, Intimität, Individualität, Datenschutz, Entscheidungsfreiheit ..) durch die im Bewußtsein der Menschen selbstverständlich werdende Dominanz eines nach kommerzielle Kriterien durchorganisierten Lebens (und Konsumierens).
Das Smartphone ist die primäre Schnittstelle zu dieser progressiven digitalisierten Vereinheitlichung des sozialen Menschenlebens. Die Einleitung dieser Veröffentlichung bei A+C enthält eine kurze Einführung in die Prinzipen der problematischen digitaltechnologischen Entwicklungen mit ihren voraussichtlichen Auswirkungen für Demokratie und Gesellschaft. (Ich verweise auch auf die entsprechenden Wikipedia-Artikel.)
Diese Veröffentlichung sammelt Texte (auch Erinnerungen und Gespräche) von und zu Theodor W. Adorno und seinem Werk. Mein ursprünglicher Impuls war die Frage, was hätte Adorno zu diesen Perspektiven gesagt? Adorno mit Smartphone: ist das vorstellbar? – In allen Beiträgen sind (implizit) Antworten darauf zu finden..
Inhalt
Mondrian Graf v. Lüttichau: Einleitung 4
Theodor W. Adorno/ Hellmut Becker:
Erziehung zur Mündigkeit (Gespräch) 19
Theodor W. Adorno: Prolog zum Fernsehen 37
Oskar Negt: Adorno als Lehrer 48
Christoph Türcke:
Praxis und Praxisverweigerung nach Adorno 51
Ernst Herhaus: Tod des Philosophen 68
Alfred Schmidt: Adorno – ein Philosoph
des realen Humanismus 71
Theodor W. Adorno: Zur Genese der Dummheit 98
Joachim Kaiser: Was uns Adorno war 101
Peter v. Haselberg: Wiesengrund-Adorno 107
Klaus Reichert: Adorno und das Radio 137
Hans Imhoff: Korrespondenz 149
Theodor W. Adorno: Theologie, Aufklärung
und die Zukunft der Illusionen 152
Elisabeth Lenk: Adorno gegen seine Liebhaber verteidigt 156
Theodor W. Adorno – „Keine Angst vor dem Elfenbeinturm“.
Spiegel-Gespräch 1969 177
Flugblatt: Erklärung seine Schüler in Frankfurt (1969) 186
Theodor W. Adorno: Resignation 191
Max Horkheimer – „Himmel, Ewigkeit und Schönheit“.
Spiegel-Gespräch 1969 197
Theodor W. Adorno/ Ursula Jaerisch:
Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute 202
Einige Literaturhinweise 222
