Ida von Lüttichau: Über Individualität (1843)

Ich verstehe Sie vollkommen: jedes Individuum u sein Schicksal ist ein anderes, in sich motivirtes, u bedingtes: alles berechnen, zusammenstellen, folgern wollen kommt mir immer mehr ganz falsch in der Welt vor. Statt daß sich mir die Begriffe generalisiren, werden sie immer mehr in ihrer Einzelheit mir zum Ganzen. Es ist genug an dem, was da ist, daß wir es einigermaaßen rückwärts begreifen, vorwärts stelle ich gar kein raisonnement mehr auf. Wir wissen nur, was wir selbst erleben, u nehmen überhaupt das Individuellste immer noch nicht individuell genug. So denke ich mich in Sie hinein, in dieses Ihr Gefühl Ihrer innersten vocation, wenn jeder auf Erden auch vielleicht nur seine eigne versteht. Aber wir lassen noch immer nicht genug jedem die seinige gelten, u auf eben diese innere vocation sollte doch alles hinausgearbeitet werden können: das Nächste, u Nothwendigste ist immer, nicht das sogenannte Rechte wie es uns von Jugend auf gelehrt wird, denn das ist doch oft nur ein abstractum, sondern die innerste Wahrheit des Impulses. In ihr ist Kraft, u sie giebt Kraft, u um ihrer Willen leiden, oder selbst daran untergehen, darinn liegt ein Trost u eine Begnadigung.

Ida v. Lüttichau: Brief an Friedrich v. Raumer (1843)
(in: ‚Wahrheit der Seele. Ergänzungsband‘, Berlin 2015, Seite 155)

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