Ida von Lüttichau: Zur Situation der Frauen (1840)

Vom Mittel Alter her datirt sich ein allgemeiner Begriff unter dem den Frauen gestellt werden. Sie galten damahls für das was man sich unter der Vorstellung von häuslicher Tugend u Einfachheit, Sitte, Religösität u Liebe, dachte: sie waren auch wohl im allgemeinen unter einer rubrik zu classificiren nur mit dem Unterschiede daß der damahlige größere Unterschied die Stände, die vielen Klöster, selbst die gedrängteren Ereigniße der Geschichte mannigfache abweichungen darboten. Diesen allgermeinen Begriff für die Frauen haben wir nun aus dem Mittelalter mit hinübergenommen, nur noch hinzugefügt was das 14te Jahrhundert in Frankreich aus den Frauen herausgebildet hat u nun haben wir wieder ein allgemeines schema, dem Alles untergelegt wird, die ideale Frau aus dem Mittelalter civilisirt mit der cultur u modernen Bildung unsrer Zeiten. Dieses allgemeine rezept lautet ohngefähr so. Liebe, Unschuld, 4 Sprachen, eben so viel Talente/ zur virtuosität gebracht, Belesenheit, u nun noch dazu wie der Franzose sagt sagt dressée pour la cuisine et le salon. Und so wird jede in derselben Zwangs Jakke erzogen u nur die geringen Charakter-Abweichungen laßen noch eine Art Indiwidualität zurück.

Wie ist es uns aber nicht beygefallen daß wenn die Bildung unter den Frauen jetzt ganz etwas anderes ist als es vor Zeiten war, u nothwendig seyn muß weil eine Maße von Kenntniße populär geworden sind die es sonst nicht waren, das nothwendigste wäre um diese geistige cultur jedem einzelnen anzupaßen u homogen zu machen: daß Frauen, wie es bey den jungen Leuten der Fall ist, die verschiedensten Richtungen frey gelaßen würden, u eine jede ein Fach des Wißens oder eine Region der Seele sich wählen dürfte die sich ihrer Natur am meisten qualifiziren. Eh‘ wir nicht eine solche Freiheit der Erziehung haben werden wir nie etwas reelles aus den Frauen herausbilden. Erzieht sie zu Müttern, zu Gattinnen! Welcher allgemeine Begriff! u was hat man sich darunter zu denken! Die Hauptbahn die darunter verstanden wird ist das allgemein Menschliche u ist Sache der Riligion u moral eben so wie es bey Männern die Grundlage aller Erziehung seyn soll.

Aber wenn der junge Mann zum Menschen herangebildet worden, wählt er sich einen Beruf, ein Fach, eine Lieblings Neigung, kurz eine Lebensrichtung u jede wird gewürdigt u anerkannt u selbst nicht der Gelehrte steht, wenn auch sein Streben das allergeistigste genannt werden kann dem andern voran, sondern jeder Beruf hat seine Rechte, jede Seelenrichtung wird anerkannt, die praktische wie die ideelle nur verlangt man daß Liebe zu ihm, Ernst u Nachhaltigkeit zum Grunde liege. Wann werden wir sehen daß unter 6 Töchter in einer Familie jede nachdem die allgemeine Erziehung wie bey Knaben für alle dieselbe war, eine jede einen andern ihr angebohrnen Weg einschlagen dürfe, ohne daß die der die intellectuelle Bildung näher liegt als die rein auf das wirthschaftliche u häusliche gerichtete dieser vorangesetzt wird wie dem typus einer Frau schon nähergetretnen.

Die Verwirrung dieser falschen Begriffe, dieses völlige nivelliren aller Charakter Eigenthümlichkeit ist schon bey uns so durchgehend u tief mit unsern instituzionen verwachsen daß gar nicht mehr dem Dinge beyzukommen ist. Auch ist die Zeit der Erziehung für Mädchen viel zu kurz um irgend eine Eigenthümlichkeit zu entfalten sie wachsen in den Begriff auf u hinein d’une demoiselle bien élevée, alles was sie lesen was sie hören, was ihnen beygebracht wird giebt ihnen nun dieses todte Ideal als Zielpunkt ihres strebens. Was wunder also daß jede nur dahintrachtet dieses zu erreichen u somit etwas ganz conventionelles erreicht wird was sich zwaar etwas modificirt durch Verhältniße, charakter Verschiedenheit aber doch im Grunde ein u daßelbe Schema für alle ist.

Was würde aus den Männern wenn nicht mehr der jurist, der militair der Künstler der Gelehrte kurz tausend nuancirungen aus ihnen herausgebildet würden sondern sie alle nur dem leeren Begriff u Ideal der Menschheit nachjagten. Darum finden sich Frauen deren Lebensberuf als Gattinn oder Mutter verfehlt ist nie zurecht, was in niedrigeren Ständen durchaus nie ein solches Elend mit sich bringt wo jede sich einen Beruf geschafft hat, darum wißen sie selbst mit dem Schatz von Bildung der ihnen oft anerzogen worden nicht umzugehen, wenn eine nicht selbst Kraft u energie genug hat zu fühlen was ihre innere Richtung sey u diese zu verfolgen was allein die wahre Genüge giebt.

Warlich dieser allgemeine Frauen Stempel ist etwas so hohles so langweiliges, so durchaus richtungsloses daß wir uns nicht wundern können wenn alle Eigenthümlichkeit, alle originalität, alle Kraft der Indiwidualität verlohren geht in diesen armen Wesen die sich u ihr Leben vorher ablesen in alle romane u dann so abspielen, wie sie denken es thun zu müßen, die sich ganz an einen todten Begriff von Weiblichkeit u Liebe verlieren bis sie auf irgend eine Weise in der Wirklichkeit in ihm aufgehen können während doch laufend frische Kräfte in ihnen wären die gar nicht sich entfalten können weil sie es in diesem engen Kreise gar nicht können!

Daß eine allgemeine basis des Schul Unterrichts statt finden müße wer wollte das leugnen allein jedes Mädchen wüßte sich mit dem Gedanken vertraut daß sie nächst dem daß sie als Gattin u Mutter wie der Mann als Bürger im Staat in der Familie wurzelt nebenher eine Richtung als Mensch verfolgen dürfe die ihr angemeßen sey.

Ida von Lüttichau: Tagebuchaufzeichnung 1840
in: Wahrheit der Seele – Ida von Lüttichau. Ergänzungsband (Berlin 2015, Seite 19-21)

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