HEINRICH HAUSER: Begegnung der Urzeit

Ich schiebe das Rad einen steilen Hügelkamm hinauf, anstampend gegen den Wind, den Kopf tief über die Lenkstange gebeugt. Auf einmal im Grau der Steppe – ein schwarzer Hügel – er bewegt sich! – Im nächsten Augenblick liegen Rad und Mann platt am Boden.

Elch! Keine dreißig Meter entfernt. – Mit Herzklopfen auf Händen und Füßen bis zum Hügelrand, Kopf heben, Zoll um Zoll, vor Erregung zitternd. Es sind vier Stück, ein großer Schaufler, zwei Kühe und ein Kalb friedlich äsend. Ich wage meinen Augen kaum zu trauen. In ihrer Ruhe sind die Formen dieser Leiber der Landschaft so verwachsen, daß man sie für Hügel oder Bäume halten könnte. Trotz ihrer auffallend dunklen Färbung vermählen sie sich schattenhaft den Bodenfalten, dem Gestrüpp.

Der große Schaufler wirft den Kopf und windet. Was für ein Haupt! Unter der schwarzen Kuppe des Widerrists schwingt es von einer Seite auf die andere, selbst jetzt, in der Bewegung noch einem Stück der Landschaft, einem windgeschüttelten Buschwerk ähnlich. Grau ist die Mähne, grau sind die hohen, dünnen Säulen seiner Beine, schwarz ist der Leib. Jetzt kommt die dunkle Masse in ziehende Bewegung, die hellen Stämme der Beine knicken ein, langsam, weitgreifend im Schwung. Die großen Lauscher zucken, der Zackenrand der Schaufeln hebt sich deutlich gegen den Himmel ab. Schräg zieht er mir entgegen, wachsend mit jedem Schritt. – Steht, keine zwanzig Meter mehr entfernt, hoch auf dem Kamm des Hügels, sieht auf mich herab. Ruhig, unbeirrt, als hätte er längst von mir gewußt. Eine wundervolle Würde liegt in seiner Haltung; etwas von der Trauer, die stets die letzten eines alten Geschlechts umweht. Reglos, das schwere, gekrönte Haupt gegen die ziehenden Wolken gestellt, gleicht er einem lebenden Denkmal.
Die Kühe haben die Köpfe aufgeworfen, sie setzen sich in Gang, einen ziehenden, zeitlupenhaften und doch seltsam fördernden Gang. Sie halten sich weit überm Wind. Ein unerhörtes Schauspiel, dieser federnd-schwingende Trab, etwas Gespenstisches. Man begreift mit einemmal, wie diese riesigen Leiber über die schwankende Decke der Moore mehr schweben als laufen.

Jetzt zieht der Schaufler mit langsamen, unendlich langen Schritten quer über die Straße. Er verschwindet im Wald. Die Kühe folgen. Minutenlang sehe ich noch ihre Häupter hocherhoben durch dieZweige wippen. Dann ist die Erscheinung entschwunden.

Dies ist die Gegend zwischen Perwelk und Preil, zwei kleinen Fischerdörfern, die in etwa zwei Kilometer Entfernung am Haffstrand liegen. Diese flache, sumpf- und gestrüppbedeckte Landschaft ist die Zufluchtstelle für die letzte geschlossene Elchherde, die etwa hundert Tiere zählt.

Heinrich Hauser: Wetter im Osten (Jena 1932)

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