Der Dirigent Hermann Scherchen (1891-1966)

Aber die Frage ist recht – warum verschwindet so Großartiges, Eigentümliches, Menschliches, das eben erst zu leben begonnen hatte, wieder im Dämmer der Geschichte? Warum sind wir Menschen so faul, daß wir uns mit den bequemen modisch anerkannten Ausschnitten begnügen, statt alle neu eröffneten Quellen des Lebendigen am Strömen zu erhalten u. durch sie unser enges Ich zu weiten, in ihren Gluten unser mattes Herz zu kräftigen?

Wie bequem, tierisch verspielt, unmenschlich faul sind wir – zu nichts haben wir angeblich Zeit, schwatzen aber stundenlang herum, verdösen große Teile jedes Tages, verschwenden fortwährend gleichgültig große kostbare Möglchkeiten unseres Lebens; – – ach, wir Menschen sind ja noch nicht angelangt, sondern nur erst die Träger des Menschlichen, die neuen Erscheinungsmöglichkeiten, als die das Menschliche sich aus dem Reigen des Organischen loslöste, abformte, selbstgestaltete – – –

als diese Träger des Menschlichen, als diese Erscheinungsmöglichkeiten existieren wir ganz noch instinktiv, träg, von Lust u. Unwillen geführt wie das tierische Leben, wir ahnen noch kaum unsere Aufgabe (trotzdem wir beständig schon auf allen Seiten als das typisch Menschliche in die Natur hineinwirken, Natur u. uns selbst um- u. neugestalten); aber wir fliehen noch vor unserer Aufgabe, verschütten viel eben zum Leben Erwecktes, begraben viel Zukunftsträchtiges, machen so ganz unnötig vielfach (u. stümperhaft) die Taten im kleinen, dilettantischen Eigenfinden nochmals, die schon in der Geschichte gefunden, die schon wie für immer von Menschen für das Menschliche u. damit für das sich erhellende Weltganze gschaffen schienen.

HERMANN SCHERCHEN, Brief vom 6. November 1934

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