HANS KILIAN: Über Außenseiter

Die Gegenwart zeichnet sich durch eine progressive Entwicklung und Ausbreitung von Ansätzen und Teilansätzen neuer Denkstrukturen aus, die infolge ihres bislang „utopischen“ Charakters oder – evolutionstheoretisch formuliert – infolge ihrer „dystopischen“ Eigenschaften früher nur als Randerscheinungen bei marginalen Minderheiten der Gesellschaft, bei entrückten oder „verrückten“ Außenseitern, genialen Vorläufern, Propheten oder geistigen Revolutionären vorkamen, die infolge mangelnder Anpassung an die bestehenden Herrschaftsstrukturen einem hohen negativen Selektionsdruck ausgesetzt waren. Die zeitgenössische Konstellation zeichnet sich dadurch aus, daß früher vorherrschende und angepaßte Denkstrukturen infolge eines mit Beschleunigung sich vollziehenden Wandels der gesellschaftlichen Realitätsstrukturen ihrerseits utopisch oder dystopisch werden, während umgekehrt die partiellen Ansätze oder Vorstufen einer dialektischen Denkstruktur vieler desidentifizierter Außenseiter angesichts einer zunehmenden Mobilitätsanforderung des Denkens und des Verhaltens in zunehmendem Maße realitätsgerecht zu werden beginnen und inofern nach und nach in das Wirkungsfeld eines positiven Selektionsdrucks rücken.

HANS KILIAN: ‚Das enteignete Bewußtsein‘ (1971, s. 243/4)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s