Hans Kilian: Zur psychosozialen Programmierung von Normalität

Insgesamt ergibt sich (…), daß die Überwindung des „Aberglaubens“ der mythisch-magischen Naturrechtsideologien durch den Rationalismus einer subjektivistischen oder subjektverabsolutierenden Philosophie der bürgerlichen Aufklärung nur eine halbe Sache war. In Wirklichkeit hat die philosophische und psychologische Theorie vom autonomen Bewußtsein die Zirkelschlüsse nur auf einen anderen Schauplatz verschoben, der sehr viel schwerer zugänglich ist und sich der kritischen Überprüfung weitgehend entzieht. An die Stelle der „äußeren“ kosmischen Projektion tritt die „innere“ psychische Projektion. Der gemeinsame Nenner besteht darin, daß ein statisches Ordnungs- und Strukturprinzip, welches eine dualistische Spaltung des menschlichen Systems in Bewußtsein und Sein, Geist und Materie und darüberhinaus ein hierarchisches Herrschaftsverhältnis von „oben“ und „unten“ impliziert, in die Realität hineingesehen und dann wieder aus ihr herausgelesen wird.

Kraft vieler solcher projektiver und introjektiver Akte, die durch Lernen „eingeschliffen“ und nach dem Prinzip des bedingten Reflexes automatisiert werden, bildet sich nach den Erfahrungen der sozialpsychologischen Lerntheorie ein kontinuierlicher Verstärkereffekt oder – genauer gesagt – ein „Selbstverstärkungsregler“ aus, der in permanenter Wiederholung einer Anreicherung von subjektiven Gewißheiten durch scheinbar objektiv begründetes Wissen zur verbindlichen „Wahrheit“, eine Aufwertung der scheinbar verbindlichen Wahrheit zum verpflichtenden Wert, eine Institutionalisierung des verpflichtenden Wertes zum kollektiven Leitbild und schließlich eine neuerliche Internalisierung des kollektiven Leitbildes als Identifikationsmodell und als unbewußte Selbstverständlichkeit bewirkt.

Mit anderen Worten: die „projektive Identifikation“ ist ein systemverstärkender Mechanismus eines gesellschaftlichen Bewußtseins. Die Funktion dieses Mechanismus besteht darin, daß ein bestimmtes psychosoziales Strukturmuster durch selbstorganisierende Regulation in den Rang einer Programmierung erhoben und auf diesem Niveau fixiert wird. Diese Programmierung, die durch Über-Ich-Dressur bereits in der Kindheit implantiert und durch zusätzliche Abwehrmechanismen abgesichert zu werden pflegt, gewinnt den Charakter eines sekundär erworbenen Ersatzinstinkes, welcher umso unumschränkter wirkt, je besser es gelingt, ihn als angeborene „Erbanlage“ des Charakters, als „Archetyp“, als „Urphänomen“ oder schließlich als „Stimme Gottes im Menschen“ (Schleiermacher) aufzufassen.

Wichtig für das Verständnis ist dabei, daß dieses Muster in seiner Kernstruktur zumeist nicht den Charakter eines ausdrücklich formulierten Denkinhaltes bzw. einer ausdrücklichen Ideologie hat, sondern vielmehr (…) in seinem Kern in der Regel „präverbal“ und unbewußt ist bzw. nur nachträglich mit auswechselbaren Inhalten besetzt wird.

Hans Kilian: ‚Das enteignete Bewußtsein‘ (Neuwied 1971, S. 202 f.)

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