Ida v. Lüttichau: Das Unzusammenhängende als Basis

Ida v. Lüttichau

Der Trotz will halten die dehmuth läßt fahren: sie genießt als genöße sie nicht, jede Wahrheit des Lebens die sich in uns oder andern kund giebt, ohne Rückhalt wie ohne falsches Streben, in der unmittelbarkeit ihres daseyns, in der Einfalt der Gegenwart, in Leidenschaft u Ruhe, mit passivität u activität, zugleich unbefangen u bewußt. Das sich selbst genügen in allen Dingen ist so entfernt von Hochmuth, daß es selbst im Gefühl der Sünde, oder Unzulänglichkeit, Mangelhaftigkeit ect eine innere Genüge geben kann, denn sie ist die irdische Regel; alles Ideal wäre die Ausnahme u in so fern kann sie unsrer irdischen Existenz nicht als basis dienen. Das Vergängliche aber, das Bruchstückweise, das Unzusammenhängende als die nothwendige Basis anzusehen u sich darinn zu beruhigen ist die Haupt Aufgabe des Geistes u auf diesem fundament kann erst die Seele weiterbauen. Also nicht die Sehnsucht ins Leere hinaus, sondern die positive Hingebung oder Entsagung oder Selbst-Vernichtung von Anfang herein entfaltet die Seele von Innen nach Außen u setzt sie in Bewegung. Aus dieser erst wächst die Leidenschaft die ihren rythmus in sich trägt u ihre menschliche Abgränzung kennt.

Ida v. Lüttichau (1798-1856) – Aus einem tagebuch von 1841/2; in: ‚Wahrheit der Seele. Ergänzungsband‘ (berlin 2013)

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