Berlin, Bülowstraße, um 1922

Es war in einem kleinen Homosexuellenlokal an der Bülowstraße, in dem sich Jessenin durchaus eine Art männlichen Striptease-Akt und weitere homosexuelle Unzuchtsdarbietungen ansehen wollte, von denen er und Isadora Duncan schon in Moskau von irgendwelchen Freunden aus der „Hominform“ gehört hatten.
Zu meiner Überraschung und höchsten Verlegenheit saß am Nebentisch Graf Kessler in der Begleitung von sehr seltsamen Geschöpfen. Das eine war ein dunkelhaariges Mädchen namens Judith oder Ruth oder so ähnlich, die nur mit einem Frack, einem gestärkten Hemd und einem Zylinder bekleidet war, so daß die überaus verführerischen Partien unterhalb ihrer Taille nur sehr unvollständig verhüllt waren. Das Gesicht dieses etwa achtzehnjährigen Mädchens war kalkweiß geschminkt, mit kohlpechrabenschwarzen sündhaften Lippen. Daneben saß ein Jugendlicher unbestimmten Geschlechts, eine Art Gazelle, das lange, hellblonde Haar zurückgekämmt und mit schweren Armbändern um die abgemergelten Handgelenke.
Zu Anfang hatte ich noch die Hoffnung, daß Harry Kessler mich nicht wiedererkennen würde, um so mehr, als Jessenin zunehmend betrunkener wurde und die unzüchtigen Vorgänge auf dem Podium mit nicht weniger unzüchtigen Bemerkungen kommentierte, in einem Gemisch aus Russisch und dem vulgärsten Deutsch, von dem er ohnehin nur ein paar, meist unwiederholbare Wörter kannte. Doch Kessler hatte gleich bemerkt, „wer“ an meinem Tisch saß. Das Gesicht der berühmten Tänzerin war in seiner Ikonographie enthalten. Und obwohl sie an jenem Abend in der sündigen Beleuchtung des Nachtlokals eher wie eine alternde Morphinistin als wie das „Wunder des Jahrhunderts“ aussah, beugte sich Harry Kessler zu mir herüber und bat mich, ihn mit ihr und ihrem ungebärdigen Gefährten bekannt zu machen.
Der Abend endete mit einer allgemeinen Verbrüderung. Harry Kessler und Isadora tauschten Erinnerungen an das Paris der Vorkriegszeit, der Jahrhundertwende aus. Jessenin wurde von ihr laut brüllend ermahnt, wenn er die unteren Rundungen von Kesslers Begleiterin zu streicheln versuchte, die sich auf meinen Schoß geflüchtet hatte. Die männliche Gazelle girrte uns Zärtlichkeiten in die Ohren, und als wir gegen vier Uhr früh aufbrachen, weil das Lokal zumachte, umarmten wir uns alle untereinander und wurden aufgefordert, am nächsten Tag in Harry Kesslers Wonung ene junge Negertänzerin [josephine baker] kennenzulernen, die gerade aus Paris gekommen war und in die sich Judith oder Ruth schon bis über beide Ohren verliebt hatte … Als wir in verschiedenen Taxis aufbrachen, winkte uns Kessler mit seinem weißen Seidenschal nach, auf den ihm Jessenin mit Isadoras Lippenstift in riesengroßen, blutroten Buchstaben eine ungeheuerliche russische Obszönität hingeschrieben hatte.
NICOLAS NABOKOV: Bagazh (Zwei rechte Schuhe im Gepäck)

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