Das Wunder und der Schrecken, ein Mensch zu sein (II)

Menschen, die mich nicht kennen, denen ich mich in keiner weise nah fühle, wollen eine sexuelle beziehung mit mir – und andere, die mir manchmal über jahre hinweg nahe sind (und ich hätte gedacht, es sei auch andersrum so, aber vielleicht ist es das ja auch, dennoch!), können sich sowas überhaupt nicht vorstellen.
In aller selbstverständlichkeit wird akzeptiert, wenn frauen den engeren kontakt mit einem mann verweigern, wenn der nur am sex interessiert ist – sobald aber ich (neuerdings) engere kontakte verweigere, in denen eine frau nur intellektuellen austausch will mit mir („guter freund sein“ heißt das dann), wird mir unterstellt, ich sei nur auf das sexuelle aus.
Schon öfters mußte ich mir anhören: „Ich brauch doch nicht gleich mit dir ins bett zu gehen, wenn wir uns so vom reden und nachdenken her nahe sind – wenn du dir sowas erhofft hast, ist das doch dein problem!“ Andererseits wäre die empörung groß, wenn ein mann einer frau erklären würde: „Ich brauch mich doch nicht gleich auf dein nachdenken und so einzulassen, wenn wir sex haben miteinander! Wenn du sowas willst, ist das doch dein problem!“
Muß ich das verstehen?

Als ich ’ne halbe stunde oder so auf der bank unten im U-bahnhof kleistpark sitze, bei wein und zeitung, kommt ein ganz eigener lebensrhythmus in mein gefühl:
– rausch, stürm – „Kleistpark!“ – getrappel – „Zurückbleiben!“ – rausch, stürm – – rausch, stürm – „Kleistpark!“ – getrappel – raus, stürm – „Kleistpark!“ – getrappel – rausch, stürm – „Zurückbleiben!“ – – rausch, stürm – „Zurückbleiben!“ – rausch, stürm – –

Sauberkeit in der natur ist funktional, ist moment von ökologischem gleichgewicht – ist ordnung, planmäßigkeit, stoffwechsel, kreislauf, austausch, komplementarität. Hat nix zu tun mit dem, was in der entwickelten zivilisation als „hügeene“ bezeichnet wird (oder so ähnlich).

Von „lesbierinnen“ schreiben sie in den medien; das ist doppelt frauenfeindlich und menschenfeindlich! Frauen, die sich grad dadurch definieren, daß sie mit männern nicht so viel zu tun haben, werden mit einem begriff bezeichnet, der als von einem grammatisch männlichen wort abgeleitet dargestellt wird. Dabei ist das ursprüngliche wort bekanntlich die insel lesbos, auf der nächsten bedeutungsebene dann die sagenhafte frauenkommune der dichterin sappho. Nirgendwo hätte da ein wort „lesbier“ sinn! Es kann also nur „lesbe“ heißen, wie es ja tatsächlich üblich ist unter den entsprechenden frauen selbst.

Der chef: „Das touren-legen war ja früher eine heilige handlung – – da hat jeder sein wssen dazu beigesteuert – – daß der weg über tegel nach spandau besser ist, mit der fähre und so.. – Und dann war’s natürlich kein wunder, daß die touren nicht fertig wurden!“
Das kam ganz nebenbei, als wir über neuerungen schwätzten. – Kann es jemand nachempfinden, daß ich einen vorgesetzten anhimmle für solche formulierungen?

Als ich heut morgen nur wenig echtzeit hatte, aber noch lebenszeit gebraucht hätte vor dem weg zur firma, hab ich mich an den tickenden sekundenzeiger der uhr rangehängt, bin für fast drei minuten die sekunden entlang mitgegangen, schritt für schritt – und hatte dadurch so viel zeit in mir drin! Plötzlich wurde alles weit, lachen war in mir, räume, wege voller gedanken und gefühle – die allerdings nicht nach außen hätten kommen können. Es war wie ein blick durch ein mikroskop.

Christiane: „Wo is’n die frau frank – ?!“
Ich: „Wir haben keine frau frank in der firma. Sie müssen sich in der tür geirrt haben. Ein stockwerk höher, bitte!“ (Dort ist nämlich eine behörde und täglich stolpert der publikumsverkehr von denen bei uns unten rein.)
Christiane prustet los, – sowas ist haargenau auch ihre art von humor; sie klappt den mund wieder zu, schließlich ist arbeitszeit – sie wird knallrot, schnappt nach luft, strahlt nur noch: „Meensch!!“ – mit ganz schwacher stimme vor hingerissenheit; sie hebt die arme, stockt für den bruchteil einer sekunde und hält mich dann an beiden schultern ganz kurz fest, drückt mich so, auf distanz – nicht kokett, sondern wirklich überwältigt vor begeisterung! Am liebsten wäre sie, die immer auf umgangsformen bedachte jungverheiratete, mir wohl um den hals gefallen, – nur so.
Ein paar minuten später ruft sie mich an, will irgendwas abklären. Ich fang unterdrückt an zu glucksen.
„Was – was sind denn das für geräusche da im hintergrund, sage mal?!“
„Ach, ich lach bloß noch über meinen gelungenen witz – “
„Welchen denn? – Den hab ich schon längst vergessen!“ (Und auch sie fängt an zu glucksen.)
Das ist christiane. Lieb ist sie und echt, intelligent und lebensfroh, – aber eben auch leicht verletzbar, weshalb sie sich vor konflikten meist in unehrlicher weise drückt. Solche ebenen müssen unterschieden werden bei den menschen, immer neu. Das ist verdammt schwer, manchmal..

Als ich mit einer kollegin (sie ist sannyasi) über den bhagwan (später: osho) rede und mir eine bestimmte formulierung nicht gleich einfallen will, ruft jener EDV-spezialist über zwei schreibtische hinweg: „Tut mal wieder so geheimnisvoll, der herr v. lüttichau!“
Lachend, als witz kaschiert kommt das. Reflexhaft reagieren sie im abwehren, diffamieren, gift versprühen! Mir fällt eine analoge standardbemerkung meiner eltern ein: ich solle mich „nicht wieder so künstlich aufregen“. Wie ich ja auch schon mit 12 jahren als „prinzipienreiter“ galt. Was haben diese leute gegen prinzipien? Sowas rührt wohl an verinnerlichtes kindheitsleid; schließlich haben auch sie als kinder unter prinzipien und normen gelitten, die ihnen eingebleut wurden. Daß sie selbst jetzt, als erwachsene, fast nur noch aus derartigen normen und prinzipien zusammengesetzt scheinen, nehmen sie nicht wahr. Immerhin mögen sie nicht mehr auf prinzipien per se schimpfen, – nur auf ihre angeblich übertriebene benutzung. Vor allem wollen sie selbst keine prinzipien mehr vorgehalten bekommen.
Wie genau sie sprachliche nuancen anwenden können, wo sie die sprache als waffe gegen andere menschen benutzen. Und wie unsensibel sie überall dort sind, wo sprache authentische regungen, individuelle und spontane momente darzustellen versucht..
Diese form von (v)erwachsensein ist identisch mit menschenfeindlichkeit, menschenverachtung, mit bösartigkeit; aber das wollen sie garnicht. Sie können nicht anders, sie sind krank. (V)erwachsensein ist eine krankheit der menschlichen individualität, es ist seelisches siechtum, ist bewußtlosigkeit, amnesie, verhärtung, entfremdung. Fast unheilbar bei denen, die davon befallen sind.
Seit jahren komme ich immer klarer zu dieser einschätzung. Obwohl ich mehr verstehen lerne von dieser mehrheit meiner mitmenschen, sind sie mir noch immer genauso fremd wie damals. Aber inzwischen weiß ich, es gibt eine lebenshaltung, die dieser krankheit entgegensteht. Genauheit, achtsamkeit, lebensmut, liebe, – ja, sowas.

Wer glaubt, in Städten lebten nur Tauben, Spatzen und Ratten, irrt gewaltig. Je größer die Metropole, desto reicher das Leben. Allein in Berlin brüten knapp eine Million Vögel aus 141 Arten, darunter über 100 Pirol-Paare. Das sind mehr als in den Auen am Oberrhein, in den einsamen Wäldern an der Müritz oder im Bergwald des Berchtesgadener Landes. Der Botaniker Wolfgang Kunik zählte allein in der Innenstadt 380 Pflanzenspezies. „Wenn ich einem Kollegen aus Südamerika eine möglichst große Vielfalt europäischer Arten zeigen wollte, würde ich mit ihm nach Berlin fahren“, sagt Josef Reichholf, Biologieprofessor in München und Vorstandsmitglied des World Wide Fund of Nature (WWF). Vier Wildschweinmütter und ihre sechzehn Frischlinge legten kürzlich auf dem Spandauer Damm den Berufsverkehr lahm. „Erst hebeln sie mit der Schnauze die Gartentür aus den Angeln“, berichtet ein Anwohner, „dann pflügen sie unsere Gemüsebeete um.“ – ZEIT 18/96

Eine kollegin verspeist ihren kuchen lagenweise und erzählt, daß sie auch das fleisch zuerst ißt, dann das gemüse und zuletzt die kartoffeln. Christiane berichtet, wie sie im elternhaus eine zeitlang das fleisch bis zum schluß aufgehoben hatte. Worauf ihr vater sie warnte, sie solle nie das beste bis zuletzt aufheben, man wisse ja nie, was kommt, und eventuell komme man garnicht mehr dazu, es zu genießen. Christiane wollte darauf nicht hören; eines tages hat er ihr mit seiner gabel auf den teller gelangt und ihr stück fleisch selbst gegessen.
Überraschte und begeisterte ausrufe. Tiefbefriedigt stößt eine ältere kollegin aus: „Dann haben sie’s aber gelernt, was?“
„Ja, danach hab ich’s nicht mehr gemacht.“
Gelächter in der runde.

So viel SONNE ist tagsüber in mir dringewesen – da sehe ich in einer illustrierten eine filmbildfolge, bei der ein mann zwischen zwei autos gebunden wird und sie reißen ihm den arm ab, – wohl im zusammenhang mit dem krieg zwischen irak und iran. Aber es ist ja egal, wo es war.
In mir drin wieder nur leere – nur das gefühl: Zum glück ist es irgendwann mal vorbei, ganz vorbei, endgültig – nichts mehr dann, was ich ist – keine gedanken und gefühle, keine kämpfe mehr, keine hoffnungen – keine verzweiflung mehr über die menschen. Nie mehr dann das tägliche ausbalancierenmüssen der gefühle, – daß ich die menschen so lieb hab, aber manchmal möchte ich nur mit der MPi reinhalten! „Das wunder und der schrecken, ein mensch zu sein“, sagte don juan.

„Ich bin nicht neugierig, eigentlich – „, hat anne gesagt.
„Ja.. ja; das glaub ich auch. Aber du warst es mal, früher – “
„Ich war es mal – – ? Ja, – früher war ich’s mal..“
Was ich ihr vorgestern geschickt hatte, das hat anne aus dem briefkasten geholt, aber sie hat es noch nicht gelesen; dafür erzählt sie mir abends am telefon: „Ich hab mir zwei platten gekauft – und zwei bücher – – Ich mußte mir mal was gutes tun..“

Ich denk an mumina, unser zwergkaninchen damals: Wie neugierig und lebensfroh war sie als jungtier – dann später hatte sie noch genausoviel freiraum (und sicher nichts schlechtes erlebt bei uns), aber saß doch nur stundenlang unter dem sofa. Sie wollte nichts mehr, hat nur noch auf ihr fressen gewartet.

Die neugier und intelligenz ist durchaus noch vorhanden, aber sie wird eingesetzt ausschließlich, um den jeweils gewollten status quo zu erreichen. Sobald ein neuer zustand angestrebt wird – und sowas wird zunächst definiert, wird eingepaßt in den rahmen der gesellschaftlichen normen und sprachregelungen, der anerkannten rollen – , kann alle neugier und intelligenz aktiviert werden für dieses ziel. Niemals aber lebt die lebensneugier, die intelligenz, die genauheit, die aufmerksamkeit einfach so, niemals mehr wächst sie alltäglich in das leben rein, das eben vor ihnen auftaucht! Nur bei kindern ist das so, – und bei gewissen „außenseitern“.

Zu wissen, was ein arbeitskollege „verdient“, ist wie schleichendes lähmendes gift; sogar ich kann das vergleichen, das abwägen dann nicht ganz zurückdrängen. Ich will das nicht! Die arbeit, die ich mache, das geld, das ich dafür bekomme, muß innerhalb meines lebens miteinander im gleichgewicht stehen – mit dem lebenszusammenhang anderer hat das nichts zu tun! Wenn jemand mehr bekommt als ich, dann macht er eventuell dennoch weniger lebendigkeit daraus als ich aus meinem kleineren gehalt. Wenn der sich wohl fühlt mit dem geld, das er bekommt – dann kommt das in der konkreten arbeitssituation auch mir zugute.
Es ist vielleicht eine elitäre einstellung, geld nicht ernst zu nehmen; aber ich will doch auf meinem zweifel beharren, ob lohnabhängige in jedemfall weniger abhängig sind, wenn sie mehr lohn bekommen.

Was ist ‚menschliche reife‘ im guten sinne? – Komplexität, vielschichtigkeit? Oder entfaltete ganzheit?

In der firma. Gegenüber einem der aushilfskräfte (student im 17. semester) erwähne ich, daß ich mich viel lebendiger und froher fühle, seit es wieder wärmer ist.
„Aber heute ist doch gar nicht so schönes wetter!?“
„Naja, aber im gegensatz zum winter mein ich – “
„So warm wie gestern und vorgestern ist es doch heute nicht!“
„Schon, – aber im gegensatz zum ganzen winter meinte ich.“
Da gibt er auf. Noch das winzigste krümelchen abwertung destillieren manche menschen aus einer situation, um ihre eigene negativität projizieren zu können. Da aber, wo die abwertung (und kritik) hingehört in ihrem eigenen leben, da bringen sie sie nicht an; das könnte ja unbequeme folgen haben.

14. märz 1985 – michail gorbačov ist zum nachfolger von černjenko gewählt worden!!

‚Entfremdung‘ könnte ein ontogenetisches zwischenstadium sein: eine funktionale distanz zwischen verschiedenen bereichen sozialer lebendigkeit, eine entkopplung, die nötig geworden sein könnte, weil das menschliche bewußtsein schließlich immer komplexer geworden ist. Resultat könnte sein ein soziales system funktional miteinander verbundener sub-systeme. Auch die schrecklich toten sozialen rollen und sozialen gruppierungen, in denen die meisten menschen heutzutage steckenbleiben, sind dann vielleicht nur wachstumsschwierigkeiten.
Vermutlich zu optimistisch gedacht.

In Berlin hatte er einmal, unter unmittelbarer Lebensgefahr, einen Menschen von den Schienen der Untergrundbahn weggerissen, der eine Sekunde später zermalmt worden wäre. (Theodor W. Adorno: ‚Berg – der Meister des kleinsten Übergangs‘)

In der firma; die sonnige swingende sannyasi kocht vor wut wegen einer altkollegin: „Die frau ist so falsch!“ – und weiß nicht, wie sie ihr entgegentreten soll; dieselben waffen will sie nicht anwenden.
„Naja, deswegen biste doch hier“, hab ich gesagt: „um genau das zu lernen!“ – und wir haben uns gefreut.

Ein fahrer (student) guckt auf mein bemaltes t-shirt: „Na, das ist ja nicht sehr phantasievoll!“
Ich verweise auf seine kleidung, in der gewiß noch weniger phantasie zum ausdruck kommt. „Na, das ist ja auch gekauft!“
Der anspruch, phantasie zu haben, ist also kein grundsätzlicher ans eigene leben, sondern er gehört in die schublade ’selbstgemachtes‘. In der schublade ‚gekauftes‘ hat er nichts verloren; dorthin würde gehören, wieviel hat etwas gekostet.
Sie schieben nur noch steinchen auf feldern hin und her..

Bindehautentzündung. Ich spüre, wie das kranke auge das bedürfnis hat, als einzelnes geschlossen zu bleiben. In gesundem zustand wollen die muskeln beider augen synchron reagieren..

Ursprünglich aus einem tagebuch von 1984/85; in die veröffentlichten paßte es nicht rein, aber wegschmeißen wollte ich’s doch nicht. Jetzt soll es hier stehen. Für anne f. – wo du auch bist. Hoffentlich geht’s dir gut!

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