Das Wunder und der Schrecken, ein Mensch zu sein (I)

Weihnachtsfeier der firma – in einem teuren restaurant im grunewald. Unser EDV-sachbearbeiter verkostet den wein wie im film, – wälzt ihn am gaumen, wie sich das gehört für kenner. Bei diesem burgunder tippt er auf lehmboden, erzählt er. Auf meine antwort, daß mir der wein zwar schmeckt, ich aber keine ahnung habe von solchen unterschieden, versichert er, daß auch er nicht soo viel davon versteht. Dazu war er als normalsozialisierter erwachsener gezwungen durch mein eingeständnis. Hätte er sich jetzt weiterhin profiliert als einer, der besser bescheid weiß als ich, wäre das nach den unter männern herrschenden komunikationsnormen eine art kampfansage gewesen. Der anspruch, besser zu sein, darf aufrechterhalten werden nur vor dem hintergrund einer gesellschaftlich anerkannten fachkompetenz oder machtposition – oder aber wenn der andere mann in der sozialen hackordnung eindeutig tiefer steht. Ich allerdings habe mich bereits durch meine eindeutige inkompetenzerklärung im sinne dieser hackordnung heruntergestuft. Normal wäre gewesen, das gespräch als unverbindlichen small talk weiterzuführen. Allerdings hätte ich mich auch ausdrücklich von ihm belehren lassen können, – wodurch ich seine kompetenz zumindest für diese situation anerkannt hätte. Auch sowas ist möglich unter männern, ohne daß der sich belehren lassende an gesicht verliert, – allerdings kommt es dann sehr auf die nuancen der körpersprache an. Außerdem hängt sowas noch ab von der allgemeinen differenziertheit der gesprächspartner sowie von deren (narzißtischen) profilbedürfnissen.
Unser chef beispielsweise hätte sich hier (scheinbar) belehren lassen, hätte dadurch dem mitarbeiter ein bißchen selbstwertgefühl ermöglicht – wodurch er auf einer anderen ebene seine hierarchisch höherere position wieder bestätigt (und bei passender gelegenheit genutzt!) hätte. – – Aber es sind noch viele varianten möglich in diesem erwachsenenspiel auf der klaviatur von status und hierarchie. Wie das wohl unter frauen ist?

„Es ist ja doch so, daß man sich hier bei so einer gelegenheit fast immer nur aus – naja aus anstand unterhält. Man ist mit leuten zusammen, die man kaum kennt, – die man eigentlich gar nicht kennt – und ich bin dann nicht einfach bereit, etwas von mir preiszugeben – und will auch von denen nichts wissen! Es interessiert mich nicht.“
So formulierte es christiane, die 24jährige bürokauffrau mit abitur, während der feier. Wir saßen uns gegenüber und waren einander wohl die rettung des abends. Immer wieder während der vier stunden haben wir uns in frohes, intelligentes schwätzen geflüchtet.
Anne hatte ihren platz weit weg von mir, am ende der tafel. Nur einmal trafen unsere blicke sich, lange guckten wir einander an und ich hab ihr einen kuß rübergeworfen mit den lippen, fast unsichtbar, sicher hat’s niemand sonst gemerkt; anne hat winzig den kopf geschüttelt.. aber noch immer hielt unser blick; dann mußten wir weiterkommunizieren mit den leuten um uns rum. Später hab ich mal mit einem leisen seufzen hochgeguckt, weg von denen, es war genug – und anne hat den blick zu sich rübergeholt, hat mich für zwei sekunden umfangen und mir ruhe gegeben.
Als ich sie da sitzen sah an ihrem katzentischplatz, hab ich ihr alleinsein gespürt und ihren dickkopf, mit dem sie auf diesem inzwischen selbstgewählten alleinsein beharrt. Auf jedem foto hätte ich sie unter allen anderen rausgefunden und mit einem blick gesehen: das ist eine, die ich sehr liebhaben könnte.

Beim rausgehen tritt sie neben mich: „Na?!“ – „Na!?“ – „Ach..“ und wir gucken uns nur an, inmitten der leute, die alle etwas hektisch ihre garderobe zusammensuchen.
„Du weißt doch –“, sag ich.
„Weiß ich?“
„Du siehst’s doch..“
Dann wird sie angesprochen und der alltag geht weiter. Aber vielleicht sieht sie gar nichts. Vielleicht sind wir beide nur gleichermaßen unsicher.

Anne hatte nichts aufsteigerhaftes, tussyhafts, sensationelles an bei dieser feier – ihren roten schal, den sie im büro oft auch tagsüber trägt, eine weiße bluse, nicht so streng wie sonst ihre kleider. Der schönste schmuck war ihre haut, die den hals runter zu sehen war; da trug sie ein kleines glitzercollier, es sah fein aus, ein strahlen lag um ihren hals, – und dann ihre sacht schaukelnden brüste..

Seltsam: Ich habe kaum noch interesse an institutionellen versuchen, gesellschaftlich etwas zu bewirken – aber mir kommt es vor, daß ich zu immer mehr dazugehöre.. – mich ausdehne in die welt hinein.

Das reflektierende nachdenken funktioniert bei vielen menschen offenbar wie ein richtungsscheinwerfer. Aus aktuellem anlaß schalten sie es ein, richten den strahl auf das betreffene thema und schalten wieder ab, sobald ihr aktuelles erkenntnisinteresse befriedigt ist. Dieses interesse orientiert sich zumeist an einem konkreten zweck. Daneben gibt es einige wenige, bei denen der strahl des reflektierenden nachdenkens ohne konkreten anlaß stetig alles abgrast, wie ein radarsystem, und wo er etwas besonders wahrnimmt, passiert dann eben auch was im kopf drin. Dabei ist durchaus möglich, daß der strahl nur einen bestimmten bereich abgreift, sei es, daß eine schabone teile des an sich zugänglichen wahrnehmungsbereichs verdeckt, sei es, daß der bewegungsmechanismus des radars teilweise blockiert ist, – aus individuellen psychischen momenten heraus, verdrängungsmechanismen, wegen der sozialisationsbedingten paradigmen und ideologien. (auch die „objektive wissenschaftlichkeit“ ist wohl so eine schablone.)
Nein, wir menschen sind keine mechanischen geräte, – nur leider verhalten wir uns allzu oft wie welche.

„Der Grund für die lange Zeit der Abhängigkeit [des kindes von den eltern] liegt darin, daß ein Kind sein Wissen von der Welt selbst aufbauen muß, und daß es praktisch bei Null anfängt.“ (J.Chilton Pearce: ‚Magical child‘ / ‚Die geheime Welt des Kindes‘)
Es geht hier darum, daß der entwicklungsgeschichtlich jüngere und nicht programmmierte teil (oder inhalt) des gehirns beim menschen so groß ist, daß er individuell (ontogenetisch) programmiert werden muß, damit wir sozial existieren können. Ich behaupte, die menschen in unserer entwickelten zivilisation können die in ihnen angelegte individuelle lebendigkeit zu wenig entfalten, weil innerhalb der normalen sozialisation nur wenig von diesem teil tatsächlich individuell programmiert wird. Den meisten menschen fehlt bewußtheit über ihre individuellen möglichkeiten, mensch zu sen – oder mensch zu werden. Chilton pearce schreibt:
„Das ganze Wunder der Entwicklung und der grundsätzliche Unterschied zwischen Mensch und Tier beruht auf der Art und Weise, wie der Mensch das riesige Potential des älteren Gehirnsystems strukturiert und klärt.“
Bei tieren läuft die interaktion zwischen vorprogrammierten gehirninhalten (also dem phylogenetischen anteil) und noch nicht programmierten gehirninhalten weitgehend instinktiv. Bei uns dagegen greifen einzelne ergebnisse des (mehr oder weniger) individuell programierten gehirnanteils ständig in diese vorgegebene steuerung der interaktion ein, was erstmal von übel ist und alle möglichen rückkopplungen verursacht; äußerst unproduktive regelkreise entstehen. Auf lange sicht bedeuten diese störungen aber durchaus eine qualitative weiterentwicklung, sofern die menschen diese interaktion, dieses verhältnis der ebenen ihrer lebendigkeit kreativ zu nutzen lernen. (Dabei bewegt sich auch alles nachdenken über diese zusammenhänge, wie jetzt hier, auf einer meta-ebene, die zu neuen problemen führen kann oder muß. – Eine strukturelle instabilität aber gehört zum wesen vernunftbegabter wesen: lebendiges bewußtsein ist ergebnisoffen, sonst ist es keines.)
Weiter bei chilton pearce:
„Erst durch solch einen Prozeß kann dieses Potential als anwendbares Wissen in der Großhirnrinde gespeichert werden, also dort, wo einmal Entscheidungen getroffen werde sollen, im Computerzentrum. Und nur wenn es dort zur Wirkung kommt, kann strukturiertes Wissen zu bewußtem und flexiblem Handeln und schließlich auch zu Kreativität führen.“
Situationen, in denen grundlegende störungen dieses zusammenhangs deutlich werden sollen, versuche ich in meinen büchern darzustellen. AUTONOMIE & CHAOS heißt ja eben nicht asozialität, sondern im gegenteil: heißt kreative interaktion zwischen entfalteter individualität und ebenso entfalteter gesellschaftlicher organisation. Hat nix zu tun mit irgendeiner form von zerstörung und autarkie, aber wohl einiges mit dem, was hans imhoff „logik des plans“ nennt. (vgl. Hans Imhoff: ‚Logik des Plans, Erster Band‘; Frankfurt/M. 1978; Euphorion Verlag)
Die grenzen von chilton pearce liegen in seiner teleologischen anthropozentrik, mit der er einen ’sinn‘ der evolution in der erschaffung des menschen zu sehen scheint. Schade! Es ist doch noch nichtmal sicher, ob nicht der mensch eine der vielen sackgassen der evolution ist, – was sehr davon abhängen wird, ob wir diese instabilität des bewußtseins zumindest im bereich der destruktiven folgen zu begrenzen verstehen. (Vgl. dazu arthur koestler: ‚Der Mensch – Irrläufer der Evolution‘ und alfred seidel: ‚Bewußtsein als Verhängnis‘.) Weiterhin betrachtet er das leben in den städten als dem menschen nicht angemessen, empfindet städte als „seltsame Alptraumwelt“. Hier verwechselt er ursache und wirkung: Nicht die städte sind von übel (ebensowenig wie die technik – dort ist es ihm klar), sondern wir können sie in ihrer funktionalität noch nicht angemessen verknüpfen mit den erfordernissen insbesondere unserer älterer gehirnanteile. Denn auch die städte sind produkte des ‚jüngeren denkens‘, sind abstraktionen (verallgemeinerungen wie ausdifferenzierungen) ursprünglicherer bdürfnisse. Aber sind abstraktionen nicht unter anderem versuche, brücken zu schlagen zu urformen, zum ursprünglichsten? (Daß unser gedanklicher umgang mit ‚urformen‘ grundsätzlich problematisch ist, steht auf einem anderen blatt.)
Leider bleibt vieles bei chilton pearce verschwommen und irrational zumindest in den formulierungen. Obwohl er manchmal höchst einseitig biologistisch argumentiert, bricht dann wieder ein ebenso einseitiger hang zur metaphysik bei ihm durch; dann schwelgt er geradezu in begriffen wie unendlich, unermeßlich, unerschöpflich, niemals. Zudem bemüht er ausführlich jenen ominösen „Geist“, baut den cartesianischen geist/körper-dualismus auf und landet dann, nur folgerichtig, beim „kosmischen Bewußtsein“.

– – Ich kann die kohle für den kachelofen nicht mit der kohlenzange anfassen – muß sie in die hand nehmen und den lieben ofen damit füttern!

Die TOSCA ist die härteste oper, die ich kenne, – grell, dissonant, chaotisch, wie wohl süditalien in vielem ist; tod & leben als irrwitziger tanz miteinander, ohne versöhnung außer dadurch, daß es immer weiter tanzt..

„Als er in sie hineinstieß, hatte sie sich tief in sich selbst zurückgezogen. Ganz innen saß sie, klein und geschrumpft, doch geschützt durch ihren Körper.“ (Gerd Fuchs: ‚Ein Mann fürs Leben‘)

Adelheid duvanel: ‚Das Brillenmuseum‘ – – Das sind geschichten, wie sie in mir drin waren, als ich allein auf den straße rumgelaufen bin, damals, – aber ich hab sie mir nicht aus-gedacht, denn wozu? Für wen? Es sind geschichten, die ohne bilder und wortlos gepocht haben, wenn ich mit gise rumlief und manchmal dennoch wo ganz anders war, – wozu ich ihr damals nur sagen konnte, sie solle nicht sauer sei, das sei eben so bei mir. (Adelheid duvanel hat sich 1996 das leben genommen. Suizidversuche hatte sie schon früh unternommen, war deswegen in der psychiatrie, wobei ihr langjährig betreuender psychiater die diagnose schizophrenie ausschloß. – Siehe berichte ihres bruders: http://feigenwinter.oyla11.de/cgi-bin/hpm_homepage.cgi)

Und heinrich schiff redet im rundfunk über die sonate für violoncello & klavier (d-moll) von šostakóvič, – das allerwichtigste musikstück für mich, als ich 17 war. Vom schluß der sonate sagt er: „Der zuhörer meint, jetzt muß es doch wieder hochkommen – da hört es ganz auf!“ Mein gefühl vom leben war damals meistens ganz ähnlich..

Ursprünglich aus einem tagebuch von 1984/85; in die veröffentlichten paßte es nicht rein, aber wegschmeißen wollte ich’s doch nicht. Jetzt soll es hier stehen. Für anne f. – wo du auch bist. Hoffentlich geht’s dir gut!

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